20. April 2021
Impulse

Wie denn nun?

Studienergebnisse sowie Entscheider:innen aus der Region über geschlechtergerechter Sprache in der Unternehmenskommunikation

Illustration: Julien Eichinger – Adobe Stock.

Es ist eine Frage, die oft erstaunlich emotionale Reaktionen initiiert. Gerade deshalb haben wir sie gestellt und Studienergebnisse sowie Entscheider:innen aus der Region gesucht und gefunden, die zur Verwendung geschlechtergerechter Sprache in der Unternehmenskommunikation Stellung beziehen …

Neutral oder paarweise
Mitarbeitende, Studierende, Arbeitnehmende – 38 Prozent der Befragten gaben an, in der professionellen Kommunikation genderneutral zu formulieren. 36 Prozent sprechen sich für eine paarweise Formulierung, also das Ausschreiben der weiblichen und männlichen Form aus.

Uneinheitlich
Rund 45 Prozent von 415 befragten Kommunikator:innen deutscher Pressestellen und PR-Agenturen wenden keine einheitlichen Regeln in ihrem Sprachgebrauch an, um die Gleichstellung der Geschlechter zum Ausdruck zu bringen.

Eher unwichtig
Insgesamt 53 Prozent der Kommunikator:innen halten die Verwendung gendergerechter Sprache für völlig oder eher unwichtig. Knapp die Hälfte der Befragten sehen diese als eher (29 Prozent) oder sehr wichtig (16 Prozent) an.

Frage des Geschlechts
Etwa 22 Prozent der weiblichen Befragten schreiben gendergerechtem Sprachgebrauch eine hohe Bedeutung zu. Unter den männlichen Befragten ist dies für sechs Prozent der Fall. Eine unbedeutende Rolle hingegen schreiben elf Prozent der weiblichen und 29 Prozent der männlichen Befragten zu.

Verständlich
Die Verwendung geschlechterbewusster Sprache hat keinen Einfluss auf die Verständlichkeit eines Textes, so das Ergebnis einer Studie des Instituts für Pädagogische Psychologie der Technischen Universität Braunschweig unter 355 Studierenden.

Schreibweise
Jede fünfte Pressestelle oder PR-Agentur verwendet die Schrägstrich- oder Klammerschreibweise. 18 Prozent greifen auf das Binnen-I, beispielsweise für MitarbeiterInnen, zurück. Nur 14 Prozent setzen das Gender-Sternchen ein, um geschlechtergerecht zu formulieren. Den letzten Platz belegt der Unterstrich. Nur ein Prozent der Befragten gab an, diesen in der Kommunikation zu verwenden.

Nein, danke
Etwa zwölf Prozent der Befragten verzichten auf gendergerechte Sprache

Marcel Frenzel, Managing Director der Prosper X GmbH. Foto: Prosper X.

Marcel Frenzel
Managing Director der PROSPER X GmbH

Bei Prosper X finden sich Menschen aus vielen unterschiedlichen Ländern zusammen. Wir versuchen Vielfalt und Gleichberechtigung nicht nur zu behaupten, sondern zu leben. Eine gendergerechte Sprache sehen wir als wertvollen Schritt, um Gleichbehandlung voranzutreiben. Für die Chancengleichheit schaffen wir entsprechende Rahmenbedingungen unter anderem durch flexible Arbeitszeitmodelle oder einen verlängerten Vaterschaftsurlaub. Bei der Sprache setzen wir kontextbezogen auf einen Mix aus Paarform, Neutralisierung und gekürzter Ansprache, wie beispielsweise Programmierer:innen. Damit haben wir bislang gute Erfahrungen sammeln können.

Michael Zeinert, Hauptgeschäftsführer der IHK Lüneburg-Wolfsburg. Foto: IHKLW/tonwert21.de.

Michael Zeinert
Hauptgeschäftsführer der IHK Lüneburg-Wolfsburg

Wir stehen am Beginn einer Auseinandersetzung mit dem Thema Gendern. Intern haben wir bereits Regeln für unsere Kommunikation im Allgemeinen und Publikationen im Speziellen formuliert. Wenn wir eine Zielgruppe direkt ansprechen verwenden wir die Sichtbarmachung über das Binnen-Sternchen. Das Sternchen bildet rein bildlich am besten die gesamte Vielfalt der möglichen biologischen und sozialen Geschlechterrollen ab. Sprechen wir über eine Zielgruppe oder gibt es keinen direkten Ansprechpartner (zum Beispiel in Flyern, Veranstaltungsankündigungen und Presseinformationen) verzichten wir zugunsten der Lesbarkeit auf eine konsequente geschlechtersensible Sprache und nutzen vorzugsweise eine neutralisierende Sprache oder hilfsweise das sogenannte generische Maskulinum. Bei Stellenanzeigen verwenden wir den Klammerzusatz „w/m/x“.

Prof. Dr. Rosemarie Karger, Präsidentin der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften. Foto: Aline Köhler.

Prof. Dr. Rosemarie Karger
Präsidentin der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften

Es ist uns ein wichtiges Anliegen, alle Menschen gleichermaßen anzusprechen. Als Landeseinrichtung sind wir schon gesetzlich dem Konzept des Gender Mainstreaming verpflichtet. Die gendergerechte Sprache in Wort und Bild ist ein Teil der Umsetzung dieses Konzepts und findet an der Ostfalia in allen Bereichen des Hochschullebens wie beispielsweise in Lehre, Forschung und Verwaltung Anwendung. Die Maßgabe ist, nach Möglichkeit Paarformeln, wie Studentinnen und Studenten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, oder Neutralisierungen (Studierende) zu verwenden und nur wo dies beispielsweise nicht möglich ist oder unübersichtlich wird, beispielsweise in Aufzählungen, auf eine der anderen Formen (Sternchen, Schrägstrich, Binnen-I) zurückzugreifen. Bisher gibt es keine Vorgabe, welche dieser Formen dann genutzt wird, es wird aber darüber diskutiert, sich auf eine Form, z.B. das Sternchen zu einigen.

Rüdiger Becker, Vorstandsvorsitzender und Direktor der Evangelischen Stiftung Neuerkerode. Foto: esn/Bernhard Janitschke.

Rüdiger Becker
Vorstandsvorsitzender und Direktor der Evangelischen Stiftung Neuerkerode
Spätestens seitdem das Personenstandsrecht neben „männlich“ und „weiblich“ auch „divers“ als dritte Geschlechtskategorie kennt, hat innerhalb der Unternehmensgruppe der Evangelischen Stiftung Neuerkerode (esn) der geschlechtergerechte Sprachgebrauch neue Aufmerksamkeit erhalten. Vom Gendersternchen bis zum Binnen-I, von der Paarform über geschlechtsneutrale Formulierungen wurden sämtliche Varianten auf Vor und Nachteile geprüft und bewertet.
Im Netz werden die meisten Sonderzeichen im Rahmen der automatischen Vorlesefunktion auch als solche vorgelesen: „Mitarbeiter-Unterstrich-innen“ oder „Kund-Punkt-innen“. Ausnahme ist der Gender-Doppelpunkt, den Programme automatisch als Pause lesen – barriereärmer und inklusiver.
Heute nutzt die esn eine Kombination: In offiziellen Schreiben, E-Mails, im Netz, etc. kommt der Doppelpunkt zum Einsatz. In Print-Publikationen, wie Flyer, Broschüren oder Pressemitteilungen wird auf eine ausgewogene Verwendung weiblicher als auch männlicher und geschlechtsneutraler Formulierungen geachtet, um den Lesefluss nicht zu stören. Zusätzlich wird ein allgemeiner Hinweissatz platziert: Zur besseren Lesbarkeit wird auf die Verwendung der Sprachformen weiblich und divers verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

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