Wie digital ist die Wirtschaft? - Standort38
10. Februar 2021
Impulse

Wie digital ist die Wirtschaft?

Die Krise hat Nachholbedarf und Potentiale aufgezeigt

Die Corona-Krise hat Nachholbedarf aber auch Potentiale aufgezeigt. Foto: Unsplash/Luca Bravo.

Videokonferenzen, Homeschooling, Corona-Warn-App – zweifelsohne wurde die Digitalisierung durch die anhaltende Corona-Krise befeuert und scheint spätestens jetzt in allen Lebensbereichen angekommen. Ob in der täglichen Kommunikation, der Arbeitswelt, in Politik und Verwaltung oder im Gesundheitswesen: Unübersehbar hat die Krise Nachholbedarfe aufgezeigt, aber auch, welche Potenziale noch ausschöpfbar sind.

Neu ist diese Thematik nicht, schließlich steht die Strategie „Digitalisierung gestalten“ seit längerem auf der Agenda der Bundesregierung. Wie digital fortgeschritten die deutsche Wirtschaft ist, darüber soll zukünftig der vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) in Auftrag gegebene und erstmals im November 2020 veröffentlichte Digitalisierungsindex Aufschluss geben. Dieser verdeutlicht, welche Branchen, Bundesländer, Regionstypen und Unternehmensgrößen zu den digitalen Vorreitern gehören und wo es Rückstände gibt. Jährlich wird der Index aktualisiert, um Entwicklungen messbar zu machen und geeignete Handlungsempfehlungen abzuleiten.

Gemessen wird auf der unternehmensinternen und -externen Ebene anhand von insgesamt 37 Indikatoren in zehn Kategorien. „Im aktuellen ersten Jahr werden quasi die Startplätze festgelegt“, sagte Thomas Jarzombek, Beauftragter des BMWi für die Digitale Wirtschaft und Start-ups, dazu in einer Presseerklärung.

Status quo der Regionen

Im Ländervergleich landet Niedersachsen als Teil der durchschnittlich digitalisierten Bundeslandgruppe Nord, zu der auch Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein gehören, auf Platz zwei. Laut Analyse punktet die Region mit einem gut ausgebauten Breitbandnetz. Die Forschungs- und Innovationsaktivitäten mit Digitalisierungsbezug fallen hier jedoch wesentlich geringer aus als an der Rankingspitze, an der mit einer Punktzahl von 110,5 Baden-Württemberg und Bayern stehen. Dort haben sich viele Unternehmen, beispielsweise der Automobilbranche, angesiedelt, die intensiv an digitalen Lösungen forschen und in diesem Zuge insbesondere überdurchschnittlich viele Patente mit Bezug zur Digitalisierung anmelden.

Überdurch­schnittlich smart

Im Branchenvergleich zeigt sich ein stark differenziertes Bild. Weit über dem Durchschnittswert von 100 liegt die Informations- und Kommunikationstechnologie mit insgesamt 273 Indexpunkten. Insbesondere die Kategorie Innovationslandschaft, zu der unter anderem Forschungs- und Innovationskooperationen sowie Start-ups zählen, ist auffallend stark digitalisiert. Überdurchschnittlich schneiden mit der Automobilbranche und der Branchengruppe Elektrotechnik und Maschinenbau außerdem Deutschlands große Industrien ab. Letztere erzielt mit Ausnahme der digitalen Geschäftsmodelle in sämtlichen Kategorien gute Ergebnisse. Erstere punktet vor allem mit Forschungs- und Innovationsaktivitäten und darüber hinaus mit fortschreitender Prozessdigitalisierung und der Qualifizierung der Beschäftigten.
Ein Blick nach Wolfsburg unterstreicht das Ergebnis auch in unserer Region: Rund 150 Milliarden Euro möchte Volkswagen trotz der Unsicherheiten der Corona-Krise bis 2025 in die Zukunft des Konzerns investieren, 27 Milliarden Euro davon in die Digitalisierung.

Schlusslicht der Branchenanalysen ist mit 55,6 Indexpunkten das Sonstige Produzierende Gewerbe, zu dem unter anderem das Baugewerbe zählt. Unterdurchschnittliche niedrig fällt dabei der Wert in der Kategorie Forschungs- und Innovationsaktivitäten aus. Keine Erwähnung findet indessen die Landwirtschaft. Dass jedoch auch auf dem Acker Zukunftsmusik spielt, zeigen Smart-Farming-Projekte wie das PraxisLabor Digitaler Ackerbau der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (LWK), das sich seit April vergangenes Jahr auf der Domäne Schickelsheim im Landkreis Helmstedt befindet. Rund fünf Millionen Euro sind für das bis 2026 angelegte Projekt veranschlagt, um zu erforschen, ob künstlich intelligente sowie automatisierte Landmaschinen die Umwelt stärker schonen und gleichzeitig Betriebe wirtschaftlich halten können.

Dass die Digitalisierung nicht grundlos als Megatrend ausgewiesen und in der Wirtschaft wichtiger denn je ist, darauf hat die Corona-Krise unverblümt aufmerksam gemacht – aber auch darauf, wie heterogen das Bild derzeit noch ist. Inwieweit Überbrückungshilfen und aus der Not heraus transformierte Prozesse digitale Wege auch nachhaltig ebnen werden, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen.

 

Auch interessant