Wie viel Transparenz muss sein? - Standort38
und
10. September 2020
Impulse

Wie viel Transparenz muss sein?

New Work Eine Kolumne von Nadine Nobile & Sven Franke

Foto: Nils Hasenau.

Frank G., Teamleiter Vertrieb, schreibt:
In unserem Team kommt es in letzter Zeit vermehrt zu kritischen Nachfragen. Einige meiner Teammitglieder fordern Transparenz hinsichtlich der Unternehmenszahlen, aber auch wie es zu strategischen Entscheidungen kommt. Beim Thema Gehalt gab es zuletzt ebenfalls viele Diskussionen. Ich würde gern verstehen, wo dieser Wunsch nach Transparenz herkommt und vor allem, wie ich ihm begegnen soll.

Sven Franke: Die Forderung nach mehr Transparenz ist in vielen gesellschaftlichen Bereichen beobachtbar. Noch nie war unsere Gesellschaft so gut ausgebildet wie heute, noch waren so viele Informationen frei zugänglich. Und noch nie waren Entwicklungen dynamischer und unberechenbarer – oder sagen wir mal so, es scheint vielen von uns zumindest so.

Nadine Nobile: Ja, gleichzeitig waren wir wahrscheinlich noch nie abgesicherter als heute – zumindest in unserem Land. Und dennoch ist die individuelle Wahrnehmung eine andere, vor allem vor dem Hintergrund der abstrakten und nicht greifbaren Entwicklungen, wie der aktuellen Pandemie. Eine Strategie, mit Unsicherheit umzugehen, ist dort Sicherheit zu erzeugen, wo wir direkt verortet sind. Also im direkten Umfeld. Und dazu gehört auch der eigene Arbeitsplatz.

Sven Franke: Doch Transparenz ist keine Beruhigungspille. Denn mit einem Mehr an Transparenz kann Verunsicherung zunehmen. Nehmen wir beispielsweise die Geschäftszahlen. Viele Geschäftsführungen zögern deshalb davor, Transparenz zu wagen, weil sie befürchten, das Wissen über die geschäftliche Entwicklung könnte in Krisenzeiten Mitarbeitende verunsichern oder gar lähmen. Der Gedanke ist nachvollziehbar. Doch wir sollten es erwachsenen Menschen zumuten, über die wirtschaftliche Situation des eigenen Arbeitgebers im Bilde zu sein. Ein guter Bekannter sagt dazu gerne: „Wenn man in einem Team spielt, dann sollte man den Spielstand kennen.“ Ich teile diese Einschätzung.

Nadine Nobile: Einen wichtigen Punkt haben wir noch nicht angesprochen. Und das ist die Forderung nach mehr Transparenz aufgrund von Misstrauen. Hierfür gibt es viele gute Gründe. Sei es, weil Fehler von Führungskräften zu oft unter den Teppich gekehrt werden. Oder weil die Beziehungsebene dadurch beeinträchtigt ist, dass Mitarbeitende den Eindruck haben, dass über ihren Kopf entschieden wird. Hier gilt es für Nachvollziehbarkeit zu sorgen und Mitarbeitende aktiv miteinzubeziehen. Und das nicht nur über Gremien wie den Betriebsrat oder Vertrauenspersonen, sondern die Betroffenen selbst.

Sven Franke: Es gilt also als erstes zu verstehen, was das eigentliche Bedürfnis hinter der Forderung nach mehr Transparenz liegt. Welche konkreten Informationsbedarfe gibt es? Was sind die jeweiligen Treiber? Geht es um den Überblick für fachliche Entscheidungen? Geht es um Sicherheit? Ist der Wunsch nach Partizipation der Treiber? Oder speist sich die Forderung nach Klarheit aus einem Misstrauen gegenüber den Entscheidern? Erst daran lassen sich dann die nächsten Schritte anschließen. In jedem Fall gilt des den Dialog zu suchen – mit dem Team, aber vor allem mit der Geschäftsführung.

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