„Wir dürfen die Sache nicht zu sozial-romantisch sehen“ - Standort38
6. Oktober 2020
Impulse

„Wir dürfen die Sache nicht zu sozial-romantisch sehen“

Stephan Dahrendorf, Geschäftsführer der Inplace Personalmanagement GmbH, im Interview

Stephan Dahrendorf berät als Geschäftsführer der Inplace Personalmanagement GmbH Menschen bei ihrem beruflichen Neuanfang.

Stephan Dahrendorf, Geschäftsführer der Inplace Personalmanagement GmbH, im Gespräch über das Trugbild der beruflichen Sicherheit, das Risiko von Quereinsteigern und romantisierte Vorstellungen eines Neubeginns …

Guten Tag Herr Dahrendorf, stellen Sie sich bitte einmal kurz in zwei Sätzen vor.
Gerne. Ich bin gelernter Jurist und habe viele Jahre in Personalabteilungen gearbeitet. Seit acht Jahren bin ich mit einem kleinen Team selbständig.

Wie sah Ihr persönlicher Werdegang aus?
Ich habe mich dazu entschieden, Jura zu studieren, weil ich nicht wusste, was ich anderes machen soll. Ich habe das als ein politisches Studium verstanden, in dem man lernt, wie Menschen ihr Zusammenleben organisieren. So richtig Jurist bin ich aber nie geworden. Jedenfalls nicht aus Überzeugung. Schließlich bin ich durch Zufall in einer Personalabteilung gelandet und habe 20 Jahre dort gearbeitet. Dann habe ich gedacht: Jetzt würde ich gerne etwas Anderes machen.

Sie haben also eine berufliche Umorientierung gewagt …
Ja. Ich habe immer Spaß an der Personalarbeit gehabt, aber nicht daran, in großen Organisationen zu arbeiten. Dann habe ich mich gefragt, wie ich mich um die Themen kümmern kann, die mir Spaß machen, aber trotzdem anders arbeiten kann.

Wie sah Ihr Vorgehen aus?
Im ersten Versuch habe ich mich als sogenannter Interim Manager selbstständig gemacht. Immer wenn irgendwo Not am Mann war, habe ich in Personalbereichen ausgeholfen. Das habe ich ein Jahr lang gemacht. Aber es erschien mir nicht dauerhaft tragfähig.

Und dann?
Vor dem zweiten Versuch bin ich wieder als Personalleiter in ein festes Anstellungsverhältnis gegangen. Dann ergab sich die Chance, als Nachfolger des Gründers bei Inplace einzutreten. Der Senior hat mich zwei Jahre ausgebildet, dann ist er wie geplant aus dem Unternehmen ausgeschieden.

War die Umstellung von der Selbstständigkeit zurück in ein Anstellungsverhältnis schwierig für Sie?
Eher umgekehrt. Zurück in die Anstellung bedeutet eigentlich nur, dass man etwas Ähnliches tut wie vorher, aber dafür ein Gehalt anstelle eines Honorars bekommt. Genau das ist das Problem. Wenn man 20 Jahre lang fest angestellt war, dann springt man nicht einfach so aus der vermeintlichen Sicherheit in die Selbstständigkeit.

Ist diese Sicherheit ein großer einschränkender Faktor?
Wenn wir von beruflicher Umorientierung sprechen, gehen wir meistens davon aus, dass jemand in Zukunft seine Neigungen, Kompetenzen oder Talente auslebt. Wir müssen aber auch im Blick behalten, dass Menschen finanzielle Zwänge haben. Die wenigsten Menschen kündigen einfach ihren Job, um ein neues berufliches Abenteuer zu erleben. Wir dürfen die Sache nicht zu sozial-romantisch sehen. Es geht meistens ums Geld.

Früher wurde ein Quereinstieg oder eine berufliche Veränderung oftmals als „Bruch im Lebenslauf“ wahrgenommen. Wie hat sich dieses Bild in den letzten Jahren verändert?
Eine große Veränderung im Lebenslauf ist für den nächsten Arbeitgeber tendenziell ein Risiko. Denn man möchte sich, wenn man jemanden neu anstellt, Sicherheit kaufen. Ein Lebensweg mit Wechseln kann bedeuten, dass jemand gar nicht weiß, was er will. Es kann aber auch ein Zeichen dafür sein, dass jemand viele Interessen und Talente hat. Heute wird Individualität im Unternehmen ausdrücklich gewünscht. Letztlich muss sich der Bewerber aber frei von der Frage machen, wie andere seinen Lebensweg sehen. Man muss das tun, was für einen selbst ein logischer Schritt ist.

Wie kann ein Unternehmen das Risiko eines Quereinsteigers abschätzen?
Immer mehr Unternehmen setzen auf Probearbeiten oder Praktika. Das Vorstellungsgespräch an sich reicht nicht, um sich richtig gut kennenzulernen. Da können Bewerber schließlich alles Mögliche erzählen. Eine häufige Frage, die Personaler deshalb heute stellen, ist: Wen können Sie als Referenz angeben?

Und was würden Sie Bewerbern raten, die sich mit dem Gedanken an einen beruflichen Neuanfang tragen?
Stellen Sie Nachforschungen an. Lesen Sie entsprechende Stellenausschreibungen. Gehen Sie auf Webseiten von Unternehmen, in dem es diesen Beruf gibt. Sprechen Sie mit Menschen, die den Beruf schon ausüben. Finden Sie heraus, welche Ausbildungswege in den Beruf führen und wie lange sie dauern. Machen Sie ein Praktikum. Überlegen Sie sehr genau, warum Ihnen der Beruf interessant zu sein scheint. Sammeln Sie Informationen über die Einkommensmöglichkeiten. Verklären Sie nichts und versuchen Sie sich einzufühlen in ein Leben mit Ihrem neuen Beruf.

Was sind die häufigsten Motivationsgründe, weshalb Menschen einen Neuanfang wagen?
Wir bei Inplace beraten meistens Menschen, die ihre Stelle unfreiwillig verloren haben, da ist das Motiv klar. Es gibt viele Menschen, die schon lange von einem bestimmten Beruf träumen oder die ihre Fähigkeiten und Kompetenzen im aktuellen Beruf nicht eingesetzt sehen. Häufig ist es auch die Unzufriedenheit mit dem Chef.

Gibt es Branchen, die besonders prädestiniert für Quereinsteiger sind?
Je weniger Fachwissen man braucht, desto einfacher ist der Umstieg in einen anderen Beruf. An ganzen Branchen lässt sich das eher nicht festmachen.

Wie unterstützen Sie Menschen bei der Umorientierung?
Vielen Menschen sind ihre Stärken nicht klar: Was sie können, sehen sie als selbstverständlich an. Wir blicken auf persönliche Erfolge und legen frei, welche unbewussten Konzepte, Strukturen und Methoden diese beruflichen oder privaten Erfolge möglich gemacht haben. Dann überlegen wir, in welchen Tätigkeiten diese Kompetenzen wichtig sind. Und schließlich geht es um Berufe und die Wege dorthin.

Können Sie charakterisieren, wer zu Ihnen kommt?
Bei uns sind es vorwiegend Menschen, die lange bei einem Arbeitgeber waren. Oft sind sie über 50 und hören von ihrer Umgebung, dass jetzt alles schwerer wird. Wir tragen dazu bei, die Zuversicht zu erhalten und realistisch zu bleiben. Das ist nicht immer einfach, aber für den Erfolg im Orientierungs- und Bewerbungsprozess wichtig.

Könnten Sie sich selbst vorstellen, nochmal einen Neuanfang zu wagen?
Vorstellen kann ich es mir, aber ich habe es aktuell nicht vor. Generell gehe ich davon aus, dass es keine berufliche Sicherheit mehr gibt und wir alle ständig einen Plan B oder C im Kopf haben müssen.

Unseren Podcast zum Gespräch finden Sie hier. 

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