und
2. Juli 2015
Wirtschaftspolitik & -förderung

Die Geschichte geht erst richtig los

Der renommierte Journalist, Politik- und Wirtschaftsexperte Roland Tichy über Niedrigzinsen, den G7-Gipfel, den Fachkräftemangel und seine Fernsehauftritte bei der RTL-Show Big Boss

Der renommierte Journalist, Politik- und Wirtschaftsexperte Roland Tichy über Niedrigzinsen, den G7-Gipfel, den Fachkräftemangel und seine Fernsehauftritte bei der RTL-Show "Big Boss". (Foto: Heike Rost)

Er arbeitete im Planungsstab des Bundeskanzleramts, war Korrespondent der WirtschaftsWoche und als Stellvertreter des Rundfunkbeauftragten für die Neugestaltung der elektronischen Medienlandschaft in den neuen Bundesländern mitverantwortlich: Roland Tichy. Darüber hinaus arbeitete der 59-Jährige als Chefredakteur für namhafte deutsche Wirtschaftsmagazine, ist heute als Autor, Kolumnist (u.a. Bild am Sonntag) und als Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung e.V. tätig. Am 16. Juli referiert der Politik- und Wirtschaftsexperte beim Braunschweiger DAX Cup, der von der Braunschweiger Privatbank und Standort38 ausgerichtet wird.


Herr Tichy, wird die Niedrigzinsphase noch länger anhalten und welche Folgen ergeben sich daraus für die von der Automobilindustrie geprägten Wirtschaft der Region Braunschweig?

Das ist die berühmte One-Million-Dollar-Frage wer sie beantworten kann, hat den Schlüssel zu unermesslichem Reichtum in der Hand. Tatsächlich geht aber die Tendenz in den USA schon wieder zu höheren Zinsen, und wenn der Euro nicht noch weiter abstürzen soll, wird die Europäische Zentralbank nachziehen müssen. Die Null-Zins-Phase hat zwei Gesichter: Für Unternehmen ist es günstig, sich zu verschulden; Geld kostet nichts. Das senkt die Finanzierungskosten. Für die Sparer ist das Gift, weil weder Bausparverträge, noch Lebensversicherungen oder die meisten Riester- Renten noch Ertrag abwerfen. Die Niedrigzinsen sollen also künstlich die Konjunktur ankurbeln. Ob das gelingt, ist fraglich. Ebenso fraglich ist, wie und wann die Rückkehr zu einer gesunden Währungspolitik noch möglich ist. Ohne gesundes Geld ist aber auch keine vernünftige Wirtschaft möglich.


Welche tatsächliche Bedeutung haben politische Großveranstaltungen wie der kürzlich zu Ende gegangene G7-Gipfel?

Ich habe die Kritik am G7-Treffen nicht verstanden. Was soll daran falsch sein, wenn sich Politiker treffen und ihr Probleme diskutieren? Vergangenes Jahr haben wir uns historisch mit dem Beginn des 1. Weltkriegs auseinandergesetzt. Da war eine der Thesen, die damaligen Politiker wären wie „Schlafwandler“ in das Massenmorden hineingestolpert ungeplant und ungewollt. So eine Katastrophe muss man doch vermeiden! Dazu dienen solche Treffen.


Wie bewerten Sie die Beschlüsse?

Es wurden weitreichende Beschlüsse zum Klimawandel gefasst; ob die jemals wirksam werden, ist zwar fraglich aber als Ziel schon bemerkenswert und eine Vorstufe zum nächsten Klimagipfel. Die Bekämpfung des islamischen Terrors kam meiner Meinung nach zu kurz; auch die Flüchtlingsfrage konnte nicht zufriedenstellend behandelt werden.


Welche Chancen und Risiken sehen Sie bei der geplanten Energiewende?

Geplant? Wo ist da Planung? Die Energiewende ist eine reine Chaosveranstaltung. Sie wird mit jedem Tag teurer, die Klima- und Ökobilanz verschlechtert sich, die Versorgungssicherheit leidet, Arbeitsplätze gehen verloren, wesentliche Elemente wie Stromleitungen sind verzögert. Noch Fragen?


Welchen Einfluss haben außenpolitische Entwicklungen und Spannungen auf die deutsche Wirtschaft? (China, Russland, Indien, Brasilien …)

Deutschland leidet insbesondere unter dem Rußland-Embargo, und diese Belastungen greifen insbesondere auf andere mittel-osteuropäische Staaten wie Ungarn, Polen und die baltischen Staaten über. Das ist sicherlich das Hauptproblem. Und ansonsten ist kaum ein Land so stark vom Export und damit vom Wohlstand in anderen Regionen abhängig wie Deutschland. Daher ist auch der Weltwirtschaftsgipfel so entscheidend für uns: Deutschland lebt von der Globalisierung. Wir werden getroffen, wenn es wo schlecht läuft wir können das ausgleichen, wenn es anderswo gut läuft. Auch in dieser Hinsicht ist die Globalisierung gut für Deutschland.


Das geplante transatlantische Freihandelsabkommen TTIP wird hierzulande stark kritisiert. Warum ist der wirtschaftliche Schulterschluss zwischen EU und USA richtig?

Gerade die Automobil-Industrie wäre einer der Gewinner, weil dann unnötige Doppelarbeiten, regulatorisch bedingte Varianten-Vielfalt ohne Nutzen für den Konsumenten bis hin zu reinen Schikanen zumindest erschwert würden. Das wäre sicherlich eine gute Sache.


Die Zeitungs- und Medienbranche steckt in einer wirtschaftlichen Krise. Lässt diese sich überwinden und wenn ja, wie?

Die derzeitigen Medien sind das Produkt von Technologien, die gerade grundsätzlich abgelöst werden. Nachrichten kommen nicht mehr auf Papier, sondern elektronisch zum Leser, zum Zuschauer, und zwar zum Zeitpunkt seiner Wahl. Die wirtschaftliche Krise folgt der technologischen Umwälzung. Wer die bewältigt, gewinnt. Wer stehenbleibt, verliert. Und für Journalisten gilt: Jede Medien-Technologie erfordert eigene Formen. Die gute, alte Zeitungsreportage wird sicherlich verändert werden müssen. Neue technische Möglichkeiten erfordern neue Darstellungsformen. Das ist eine Konstante der Geschichte.

 

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„Die Geschichte geht erst richtig los“ – Der renommierte Journalist, Politik- und Wirtschaftsexperte Roland Tichy über Niedrigzinsen, den G7-Gipfel, den Fachkräftemangel und seine Fernsehauftritte bei der RTL-Show „Big Boss“ (2/2)

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