4. Februar 2016
Wirtschaftspolitik & -förderung

Happy Krisenstimmung! (2/3)

Die regionale Wirtschaft ächzt unter zahlreichen Herausforderungen präsentiert sich bisher aber reichlich unbeeindruckt

Beim Blick in die Zukunft sind die meisten Unternehmer skeptischer, auch wenn der Optimismus überwiegt. (Quelle: IHK Braunschweig)

Auch das zweitgrößte Unternehmen der Region die Salzgitter AG ist derzeit krisengeschüttelt. Zwar hat der Stahlhersteller zwischenzeitlich auch aufgrund harter Restrukturierungsprogramme, wie „Salzgitter AG 2015“, den Turnaround geschafft. Allerdings leidet das Unternehmen akut unter den sich verschärfenden Geschäftsbedingungen. Der Stahlpreis sinkt aufgrund des derzeitigen Überangebotes, während die Konkurrenz aus China sich auch in Sachen Qualität weiterentwickelt. Sorgenfalten dürfte beim Vorstand um den Vorsitzenden Heinz Jörg Fuhrmann auch der europäische Vorschlag zur Verschärfung der Emissionshandels-Richtlinie auslösen. Demnach soll zur Reduktion von Treibhausgasen ab 2021 die Zahl der CO2-Zertifikate verringert und deren Preis erhöht werden. Tritt das Gesetz in Kraft, dürfte es die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Stahlhersteller weiter verringern, solange keine weltweiten Standards gelten. 

Zum verhaltenen Optimismus der regionalen Wirtschaft passen die vorsichtigen Investitionsplanungen. Immerhin 28 Prozent der von der IHK Braunschweig befragten Unternehmen wollen ihre Budgets ausweiten, lediglich 17 Prozent bei den Investitionen kürzen. Noch defensiver sieht derzeit die Personalplanung aus. Mehr als jedes vierte Unternehmen plant in den kommenden Monaten beim Personal zu kürzen, nur knapp jedes Fünfte ein Wachstum bei den Mitarbeitern. Auch das Städteranking der Wirtschaftswoche wagt neuerdings den Blick in die Zukunft und zwar mit dem erstmals ermittelten Zukunfts-Index 2030. Dieser soll Auskunft geben, welche Stadt derzeit das größte Potenzial für den Aufbruch in die digitale und vernetzte Zukunft hat. Hier profitiert die Region besonders von ihrer Forschungsdichte: Wolfsburg ist mit einer Ingenieursquote von 10,7 Prozent Spitze, belegt mit einer Künstlerquote von 0,6 Prozent aber nur den vorletzten 68. Rang. Braunschweig glänzt zwar mit vielen MINT-Absolventen (Rang 8). Der Anteil an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit Hochschulabschluss insgesamt liegt allerdings nur bei 17,9 Prozent zum Vergleich: Spitzenreiter Erlangen erreicht 31,2 Prozent.

In einer Zeit, in der Braunschweig darüber debattiert die KITA-Gebühren wieder einzuführen, dürften Aus- und Weiterbildung entscheidende Weichenstellungen für eine zukunftsfähige Wirtschaft sein. Denn gerahmt durch den demographischen Wandel und steigende Anforderungen in den meisten Jobprofilen könnte sich der Arbeits- zunehmend zu einem Bewerbermarkt wandeln. „Die Zukunftsprognosen für den deutschen Arbeitsmarkt gehen für die nächsten Jahre von zwei bis fünf Millionen fehlenden Arbeitskräften aus“, erklärte beispielsweise Trendforscher Sven Gábor Jánszky im Standort38-Interview. Wenn in Deutschland Fachkräftemangel herrscht, bedeutet das übrigens nicht, dass der Arbeitsmarkt tatsächlich leergefegt ist. Die Arbeitsagentur spricht bereits von Mangel, wenn auf eine Stelle nicht mehr als drei Bewerber kommen. Der Verein Deutscher Ingenieure sogar bei einer Quote von eins zu fünf. Das Land Niedersachsen will heute bereits möglichen Wachstumshemmnissen entgegensteuern und hat im Juli letzten Jahres eine Fachkräfteinitiative beschlossen. Das daraus hervorgegangene Fachkräftebündnis SüdOstNiedersachsen soll in der Region beispielsweise Projekte fördern, die eine Qualifizierung und Vermittlung von Arbeitslosen verbessern. Das erste geförderte Projekt ist gerade gestartet. In Braunschweig und Wolfsburg haben zwei so genannte Welcome Center eröffnet, die ausländischen Fachkräften die Integration in den hiesigen Arbeitsmarkt erleichtern sollen. Ob indes die vielen Menschen, die gegenwärtig in der Bundesrepublik Zuflucht suchen, mittelfristig auch den Arbeitsmarkt beleben, hängt von vielen Faktoren ab zum Beispiel den politischen Anstrengungen sowie dem Engagement der Unternehmen und der Neuankömmlinge selbst. Daran zweifelte zumindest Ministerpräsisdent Stephan Weil beim IHK-Neujahrsempfang nicht: „Zu uns sind viele Menschen gekommen, die etwas aus ihrem Leben machen wollen.“

 

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