4. Februar 2016
Wirtschaftspolitik & -förderung

Happy Krisenstimmung!

Die regionale Wirtschaft ächzt unter zahlreichen Herausforderungen präsentiert sich bisher aber reichlich unbeeindruckt

Ein vorsichtiger Ausblick auf das regionale Wirtschaftjahr 2016! (Foto: stockphotograf - Fotolia)

Wenn die Neujahrsempfänge von Verbänden, Unternehmen, sowie Städten und Kommunen ein Lackmustest für die Herausforderungen und Chancen des folgenden Jahres sind, blicken das Land und die Region gleichermaßen schwierigen Zeiten entgegen. Unabhängig von Orten und Rednern, ob in der Stadthalle oder im Städtischen Museum, ob Ministerpräsident Stephan Weil, der ehemalige IHK-Präsident Dr. Wolf-Michael Schmid oder Oberbürgermeister Ulrich Markurth: Es herrscht Krisenstimmung! Die Banken- und Euro-Krise sind keineswegs überwunden. Das Verhältnis zu Rußland ist angespannt, Kriege und Hunger haben rund 60 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben und ein manipulierter Clean Diesel stürzte den zwischenzeitlich größten Autobauer der Welt in eine kapitale Unternehmenskrise. Trotzdem gaben sich die Amtsträger redlich Mühe vorsichtigen Optimismus zu verbreiten. Standort38 nimmt den Ball auf und hat das PH-Papier tief in Studien, Prognosen sowie Experteneinschätzungen gesteckt das Ergebnis: Ein vorsichtiger Ausblick auf das regionale Wirtschaftjahr 2016!

„Meine Damen und Herren, das vergangene Jahr 2015 konnte die Wirtschaft durchaus zufriedenstellen.“ Es waren nach den obligatorischen Begrüßungen die ersten inhaltlichen Worte von Dr. Wolf-Michael Schmid beim diesjährigen IHK-Neujahrsempfang. In der Stadthalle legte der jüngst von Helmut Streiff beerbte Präsident der Braunschweiger IHK optimistisch nach: „Und für das gerade begonnene Jahr gehen die Wirtschaftsforschungsinstitute davon aus, dass es weitere positive Impulse bringt.“ Im weiteren Verlauf des Abends fehlten die Verweise auf aktuelle Krisen und Herausforderungen zwar nicht aber der Blick auf die hiesige Wirtschaft blieb ein positiver. Das sehen nicht nur die regionalen Akteure so.

Im aktuellen Städteranking der Wirtschaftswoche konnten Braunschweig und Wolfsburg ihre Platzierungen in der Spitzengruppe verteidigen. Die Löwenstadt glänzte unter anderem mit einer Jugendarbeitslosenquote von lediglich 4,1 Prozent (Platz 4). Auch der Rest des Arbeitsmarktes zeigt sich statistisch gerade in Bestform. 2015 wird in die Geschichte Braunschweigs als das Jahr mit der geringsten Arbeitslosigkeit seit der Wiedervereinigung eingehen. Zu dieser schönen Wahrheit gehört aber auch, dass sich die Leiharbeit immer weiter ausbreitet. Zwischen 1996 und 2016 hat sich die Zahl derer, die keinen klassischen Arbeitgeber haben, deutschlandweit mehr als verfünffacht. Laut Bundesagentur für Arbeit werden mittlerweile außerdem mehr als ein Drittel aller offenen Stellen als Leiharbeit ausgeschrieben. Auch der Niedriglohnsektor hat der Arbeitslosenstatistik gut getan. In Deutschland verlässt mittlerweile jeder Vierte für weniger als 9,54 Euro brutto die Stunde das Haus.

Die Zahlen dürften in Wolfsburg positiver ausfallen: Mit einem durchschnittlichen Bruttoinlandsprodukt von 105.059 Euro pro Einwohner stach die Stadt an der Aller alle anderen aus und schaffte insgesamt Platz 2 im Dynamikranking der Wirtschaftswoche, das die Veränderungsraten der fünf zurückliegenden Jahre betrachtet. Braunschweig landete hier auf Rang 6. Die jüngste Entwicklung sieht damit positiv aus. Das bestätigten auch die aktuellen Konjunkturumfragen der beiden regionalen Industrie- und Handelskammern Zitat: „Die zahlreichen krisenhaften Entwicklungen in Deutschland, Europa und der Welt […] haben bisher keine breiten konjunkturellen Bremsspuren im Braunschweiger Wirtschaftsraum hinterlassen.“ Die Mehrzahl der befragten Unternehmen zeigt sich entsprechend zufrieden mit der gegenwärtigen Geschäftslage. Nur 17 Prozent bewerten diese als „schlecht“. Neben der starken Binnennachfrage sind hierfür auch geschäftsanregende europäische und globale Impulse, wie der niedrige Ölpreis oder die Schwäche des Euros verantwortlich.

Schon der Blick in die nähere Zukunft fällt dagegen skeptischer aus: Die Mehrzahl der Unternehmer erwartet besonders aufgrund der zahlreichenden alten und neuen Krisen gleichbleibende oder sogar nachlassende Geschäfte. Dazu dürfte auch der 18. September 2015 beigetragen haben. An diesem herbstlichen Freitag gab die US-Umweltbehörde EPA in Washington die Abgas-Manipulation bei VW offiziell bekannt. Dieselgate erschütterte in der Folge das Auto-Imperium und mit ihm die ganze Region. „Aufgrund der VW-Krise halten sich Unternehmen, die eng mit der Automobilproduktion verzahnt sind, mit ihren Erwartungen zurück“, heißt es auch in einem aktuellen Bericht der IHK Lüneburg-Wolfsburg.

Es gibt diesen etwas abgedroschenen Spruch, der die Abhängigkeit zwischen dem Wolfsburger Autobauer und dem hiesigen Wirtschaftsraum beschreiben soll: „Wenn VW niest, hat die Region einen Schnupfen.“ Bisher blieb das große Fieber zwar aus, allerdings sind die tatsächlichen Auswirkungen des Skandals auch längst noch nicht absehbar. So laufen etwa die zahlreichen zivil- und strafrechtlichen Prozesse gegen den Konzern gerade erst an. Und selbst das von der VW-Führungsspitze gezeichnete Bild der über allem erhabenen Jobs bekommt bereits erste Risse. Das Manager Magazin berichtete in seiner aktuellen Ausgabe über ein geplantes Sparprogramm. Der erst im Sommer letzten Jahres von BMW nach Wolfsburg gewechselte Markenvorstand Herbert Diess fordert demnach bereits in diesem Jahr eine Produktivitätssteigerung von 10 Prozent und zwar in den Werken genauso wie in der Verwaltung, Entwicklung und im Vertrieb der Kernmarke. Weit mehr als 10.000 Arbeitsplätze stünden als Folge zur Diskussion. Das Dementi aus Wolfsburg ließ nicht lange auf sich warten: „Wir weisen diese Meldung strikt zurück. Wir stehen fest zu unserer Stammbelegschaft“, teilte der Autobauer mit. Darüber hinaus hängen aber noch viele weitere Menschen in der Region am Tropf der Automobilindustrie. Ob als Leiharbeiter bei VW selbst oder als Angestellte in den zahlreichen Zuliefererbetrieben. So erklärt beispielsweise Justus Perschmann, Geschäftsführer des gleichnamigen Werkzeughandels, im aktuellen Standort38-Titelinterview: „Die eine oder andere Bestellung wurde bereits storniert. Außerdem hat sich der Ton im Rahmen von Verhandlungen verschärft.“ Und weiter: „Die nächste Welle erwarten wir bei den Zulieferern. Volkswagen zieht merklich zahlreiche Aufträge ins Unternehmen, die vorher ausgelagert waren.“

 

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