13. Januar 2016
Wirtschaftspolitik & -förderung

Unser Geschäftsmodell beruht auf einem starken Mittelstand

Rund 1100 Gäste hörten beim IHK Neujahrsempfang mahnende, aber auch hoffnungsvolle Worte

Ministerpräsident Stephan Weil war zum dritten Mal hintereinander Festredner und hob die trotz aller gesellschaftlichen Herausforderungen positiven Wirtschaftszahlen des Landes hervor. Foto: Philipp Ziebart

Banken-, Griechenland-, Flüchtlings- und VW-Krise. Das Land und mit ihm die Region 38 ist seit einiger Zeit krisenerprobt. Und doch blickten die Redner beim gestrigen IHK-Neujahrsempfang in der Braunschweiger Stadthalle verhalten optimistisch ins Jahr 2016. Zum letzten Mal in dieser Funktion begrüßte Präsident Dr. Wolf-Michael Schmid die rund 1100 Gäste. Der 68-Jährige scheidet bald aus dem Amt und nahm sich die demografische Entwicklung und Altersstruktur der Gesellschaft auch in seiner Rede vor, in der er neue Wege zu einem längeren Erwerbsleben anmahnte. Der Fachkräftemangel werde durch die Rente mit 63 verschärft. Schmid zitierte die renommierte Altersforscherin Professor Dr. Ursula Staudinger, die im letzten Jahr den Braunschweiger Forschungspreis erhalten hat. Demnach seien zwei Drittel der so bezeichneten „alten Menschen“ körperlich und geistig fit.

Sorgenfalten bereiten Schmid die beiden größten Unternehmen der Region. Gerade die Abgas-Affäre bei VW führe zu einer „erheblichen Verunsicherung“. Die Stahlproduktion bei der Salzgitter-Tochter Flachstahl sei durch neue CO
2-Abgaben gefährdet: „Auch kein noch so engagierter Umweltpolitiker, meine Damen und Herren, kann ernsthaft fordern, in dem hochmodernen Stahlwerk in Salzgitter die Produktion zurückzufahren und die dort nicht erzeugte Stahlmenge dann an irgendeinem anderen Standort auf der Welt zu deutlich schlechteren Umweltbedingungen herzustellen.“

Die größte politische Enttäuschung des vergangenen Jahres sei für ihn die Entscheidung des Niedersächsischen Landtages gewesen, keine Enquete-Kommission zur Regionendebatte einzusetzen. Damit sind für ihn die Akteure vor Ort selbst gefragt: Die Allianz für die Region, das Amt für regionale Landesentwicklung und den Zweckverband Großraum Braunschweig forderte der IHK-Präsident auf „im Interesse der Wirtschaft Projekte zu realisieren, die die Gemeinsamkeiten unseres Wirtschaftsraumes herausstellen“.

Hierzu zählen für ihn auch die drei Infrastrukturprojekte A 39-Lückenschluss, zweigleisiger Ausbau der "Weddeler Schleife" und der Schleusenneubau bei Scharnebeck. „Bei diesen Projekten sehe ich uns im Gleichklang mit der Landesregierung und Herrn Staatssekretär Ferlemann in der Pflicht zur Einlösung der uns im September in Berlin gegebenen Zusagen.“ Schmid forderte an dieser Stelle auch wenn das unüblich sei den Applaus der Anwesenden. „Das ist so wichtig. Das muss der Ministerpräsident hören.“

Der war zum dritten Mal hintereinander Festredner des Neujahrsempfangs und hob die trotz aller gesellschaftlichen Herausforderungen positiven Wirtschaftszahlen des Landes hevor, etwa das robuste Wachstum und die Rekordbeschäftigung. Gerade dafür dankte Stephan Weil den anwesenden Unternehmern. Bei der Erbschaftssteuer versprach er einen Kurs mit Augenmaß. Finanzminister Peter-Jürgen Schneider habe keinen Euro an Einnahmen dafür eingeplant. Weil versicherte: „Unser Geschäftsmodell beruht auf einem starken Mittelstand.“ 

Der Region attestierte er eine zukunftsweisende Profilierung, die Innovation verspricht: „Das gute Zusammenwirken von Wissenschaft und Wirtschaft ist ein Schlüssel für den Erfolg.“ Weil erwartet, dass VW stärker aus der Krise hervorgeht zum Beispiel durch die Neuausrichtung auf Zukunftsthemen, wie das autonome Fahren oder die Elektromobilität.

Als größte Herausforderung des kommenden Jahres bezeichnete Weil die notwendigen Weichenstellungen für eine Integration der nach Niedersachsen kommenden Flüchtlinge.  Der Landesvater zeigte sich stolz auf das überwältigende Engagement. „Das ist ein gutes Zeugnis für die Gesellschaft in Niedersachsen.“ Die habe die Herausforderungen bisher besser gemeistert als die Politik selbst. Der Satz „Wir schaffen das“ sei nicht hilfreich, wenn er nicht durch Taten gelebt wird.

Das Land brauche jetzt konkrete Konzepte und dürfe sich nicht ständig selbst überfordern. Dann könnte der Arbeitsmarkt von den Asylsuchenden profitieren. „Zu uns sind viele Menschen gekommen, die etwas aus ihrem Leben machen wollen.“ Gegenwärtig bedürfe es dafür aber großer Investitionen, die sich möglicherweise erst in einigen Jahren auszahlen. Im Hinblick auf die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht macht Weil klar, dass weder Frauen noch Ausländer Freiwild seien. „Grundlage für das Engagement sind die Werte auf die wir uns in der Gesellschaft verständigt haben.“

Schließlich danke Weil IHK-Präsident Schmid für die konstruktive Zusammenarbeit in den letzten Jahren und erhielt dafür viel Applaus. Voll des Lobes war auch Wirtschaftsjuniorensprecher Sven Streiff als Vertreter des diesjährigen Ausrichters. Er betonte, dass Schmid, der den Zusammenschluss junger Unternehmer einst selbst mit gründete, ihnen in den letzten Jahren viele Türen geöffnet habe.

Für Erheiterung sorgte der neue Geschäftsführer des traditionellen Verpackungsunternehmens als er die drei großen Lügen bei Stehempfängen aus dem SZ-Magazin rezitierte:

1. „Oh, hallo. Sie hatte ich ja noch gar nicht gesehen.“

2. „Interessant.“

3. „Hole mir nur schnell was zu trinken, bin gleich wieder da.“

Streiff klärte außerdem über die Security am Eingang auf, die eigentlich keine war. Als getarnte Walking-Acts haben die Damen und Herren in Schwarz die Gäste nicht durchsucht, sondern zum Beispiel Kopfschmerztabletten und Gummibärchen in den Jacken platziert. Ein besonderes Präsent schmuggelten sie Oberbürgermeister Ulrich Markurt ins Sacko: Unter lautem Gelächter zog der eine Autogrammkarte von Bundeskanzlerin Angela Merkel aus der Tasche. „Ich hoffe die bekommt einen Ehrenplatz in Ihrem Büro“, bemerkte Streiff.

Ein Imagefilm zeigte anschließend die Geschichte und Ausrichtung sowie aktuelle Projekte der Braunschweiger Wirtschaftsjunioren, bevor der Mentalmagier Christoph Kuch als Show-Act die Anwesenden mit mehreren Tricks begeisterte. Selbst das Buffet bekam an diesem gelungenen Abend einen Vorhang spendiert, der begleitet von Klaviermusik fiel und den Raum für intensive Gespräche eröffnete.

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