„Volkswagen, zerschlage dich!“

Thomas Sattelberger sprach mit Standort38 am Rande der Transformation Sessions des AGV Braunschweig über No-Jobs in Konzernzentralen, die verheerenden Folgen von Winterkorns Plattform-Strategie und den Konservatismus eines alternden Landes …

Klare Worte: Thomas Sattelberger ging am Rande der Transformation Sessions vor allem mit dem Volkswagen-Management hart ins Gericht. Foto: Holger Isermann

Klare Worte: Thomas Sattelberger ging am Rande der Transformation Sessions vor allem mit dem Volkswagen-Management hart ins Gericht. Foto: Holger Isermann

Gespart wird dann aber meist auf der operativen Ebene und nicht in der Zentrale …

Nüchtern muss man sagen, dass die Zeit des Sparens im Bereich der Operations eigentlich vorbei ist. Hier ist man nach zahlreichen Optimierungsrunden meist sehr effizient aufgestellt und ich warte gerade eher auf die Restrukturierungswelle im obersten Management. Die wäre an der Zeit.

Sie waren lange Teil des Systems, das Sie gerade kritisieren. Bereuen Sie mittlerweile manche Ihrer Entscheidungen?

Ich hatte auch Phasen des Sündenfalls, insbesondere bei der Continental. Aus ökonomisch berechtigten Gründen haben wir das Werk Hannover-Stöcken geschlossen und eine Reputationskrise ohnegleichen produziert. Damals habe ich zu lange nicht begriffen, dass man auf moralische Fragen nicht ökonomisch antworten kann. Kein Top-Manager ist davor gefeit, dass er nicht großen Mist baut und ich war damals immerhin im zarten Alter von 57 Jahren …

Unsere Region hängt am Tropf von Volkswagen. Sie attestierten dem Konzern vor drei Jahren, dass er für ein autoritäres Regime steht und für eine Fäulnis der Kultur. Würden Sie das heute so wiederholen?

Unter Müller hat sich daran nicht viel geändert, aber Diess bekommt von mir eine Chance …

… weil er von BMW kommt?

Er stammt aus einer anderen Kultur. Das Unternehmen und die Top-Manager selbst müssen endlich ihre abgekapselte, arrogante Attitüde ablegen. Es braucht viel mehr Freiheit für einen Meinungsaustausch auf Augenhöhe. Ein erfolgreicher Kulturwandel beginnt an der Spitze und reicht bis zur leidigen Tatsache, dass junge Ingenieure zuerst den Betriebsrat und erst dann ihren Chef kennenlernen.

In den vergangenen drei Jahren ist Ihnen zu wenig passiert?

Das Unternehmen muss sich ernsthaft fragen, welche Sensoren es eigentlich noch in die Umwelt hat und wie es passieren konnte, dass man so lange die Wirklichkeit ausgeblendet hat, wie die alten DDR-Fürsten in ihren Datschen. Das ist organisationaler Autismus. Jetzt geht es darum, eine kritische Masse an andersartigen Quereinsteigern zu integrieren …

… anstatt weiterhin Ja-Sager anzuziehen?

Genau. In Wolfsburg hat man jahrelang Bedienstete angestellt und ihnen dafür Schmerzensgeld bezahlt. Für eine wirkliche Transformation sind Menschen, die schon 30 Jahre im Konzern sozialisiert sind, aber nicht die richtige Wahl. Sie brauchen neue Talente und müssen sie gegen die Bazillen des alten Systems schützen. Den i3 hat BMW nicht ohne Grund auf einem eigenständigen Werksgelände mit sehr flachen Hierarchien und viel Souveränität in der Arbeitsgestaltung entwickelt. Nespresso hat man damals auch ganz bewusst nicht in Nestlé integriert.

Also ein Neustart auf der grünen Wiese?

Ja. Das Unternehmen steht für mich symptomatisch für die alten deutschen Konzerne und die Frage, ob man sie überhaupt erfolgreich transformieren kann. Ich kann nur raten: Volkswagen, zerschlage dich!

Wem wollen Sie diesen Job zumuten?

Er ist notwendig. Sie brauchen ein Empowerment der Geschäfte. Die Plattform-Strategie von Winterkorn hat verheerende Folgen, weil sie nur auf Kosteneffizienz setzt und jede Kreativität zerstört. Wenn Sie in einer volatilen Welt derart umfassend standardisieren, ist ihr Unternehmen in keiner Weise krisensicher, weil ein Schock gleich das große Ganze betrifft.

Bei Volkswagen arbeiten weltweit rund 650.000 Menschen. Ist der Autobauer am Ende too big to fail?

Elefanten sterben langsam, aber dann schnell. Es gibt wahrscheinlich kein Unternehmen in Deutschland, das sich in den vergangenen 20 Jahren so viele Skandale geleistet hat: Von der Lopez-Affäre und Politikern, die ohne Arbeit auf der Payroll standen, über den VFL Wolfsburg und den Korruptionsskandal um Peter Hartz. Das alles klebt auch einer niedersächsischen Landesregierung so sehr an den Beinen, dass sie eigentlich Angst haben müsste.

Ist das VW-Gesetz für Sie ein Relikt der Vergangenheit?

Selbstverständlich.

Bei aller Kritik – Volkswagen war viele Jahre lang sehr erfolgreich und ist es auch heute noch …

Ich habe vor einigen Jahren mal geschätzt, dass Dieselgate Volkswagen rund 40 Milliarden Euro kostet. Neben diesen Kosten hat der Konzern aber noch ein ganz anderes Problem: Der Fokus des Managements liegt durch die Klagewellen immer auf der Vergangenheit. Das geht soweit, dass ihre Mitarbeiter nicht einmal mehr unbeschwert reisen, weil irgendwo ein Haftbefehl warten könnte.

Die Namen Müller und Winterkorn sind bereits gefallen, der von Betriebsratschef Bernd Osterloh noch nicht. Sie haben ihn einst im Interview als Schattenvorstandschef und Einpeitscher bezeichnet. Ist es ein Fehler, dass Osterloh noch im Amt ist?

Für einen langjährigen Vorstand ist es schwierig, das über die Lippen zu bringen, aber bei einem so miserablen Top-Management wie bei Volkswagen, war sogar das Co-Management eines Betriebsratschefs die bessere Lösung. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Osterloh und sein Vorgänger den autokratischen Despotismus der Führung kannten und als Arbeitnehmervertreter ihre zentrale Aufgabe nicht erfüllt haben …

… nämlich?

Die Interessen der Arbeitnehmer zu vertreten und über den Aufsichtsrat für Checks and Balances zu sorgen. Solange die Gehälter flossen, hat man sich aber stattdessen gemein gemacht. Das ist für mich eine Form der seelischen Korruption.

Muss Wolfsburg Angst davor haben, ein zweites Detroit zu werden?

Das wäre mir zu pessimistisch. Dafür sind die Markenpolitik und die Qualität der Produkte zu überzeugend. Die Reputation der deutschen Ingenieure hat in weiten Teilen der Welt weniger Schaden genommen als in Deutschland.

Was macht man in der Region mit all dem?

Mit großer Freude betrachte ich die Vielzahl an Mittelständlern und IT-Unternehmen …

… von denen aber auch wieder viele an Volkswagen hängen.

Das ist der Punkt. Aber kluge mittelständische Unternehmer versuchen immer, sich nicht vollständig abhängig zu machen. Und die Städte und Kommunen müssen jetzt alle Energien aktivieren, um unternehmerische Aktivitäten zu fördern, die nicht im Automobilsektor liegen.

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