„Volkswagen, zerschlage dich!“

Thomas Sattelberger sprach mit Standort38 am Rande der Transformation Sessions des AGV Braunschweig über No-Jobs in Konzernzentralen, die verheerenden Folgen von Winterkorns Plattform-Strategie und den Konservatismus eines alternden Landes …

Klare Worte: Thomas Sattelberger ging am Rande der Transformation Sessions vor allem mit dem Volkswagen-Management hart ins Gericht. Foto: Holger Isermann

Klare Worte: Thomas Sattelberger ging am Rande der Transformation Sessions vor allem mit dem Volkswagen-Management hart ins Gericht. Foto: Holger Isermann

Neue Aktivitäten sind ein gutes Stichwort: Mit 68 haben Sie sich im vergangenen Jahr in den Bundestag wählen lassen, anstatt am Starnberger See Ihren Lebensabend zu genießen. Warum tun Sie sich nach der Wirtschaft jetzt auch noch die Politik an?

Weil die künstlich gesetzte Grenze des Ruhestandes für mich persönlich keine wirkliche Bedeutung entfalten konnte. Das Ende meines Lebens ist mit hoher Wahrscheinlichkeit noch weit weg und für den Lugana auf der Terrasse auch noch in zehn Jahren Zeit. Ich möchte vorher noch in der Politik durchstarten und wenn wir in Bayern einige Prozentpunkte mehr geholt hätte, wäre ich vielleicht heute Wirtschaftsminister (lacht).

Haben Sie als Manager so viele Jahre unter der Politik gelitten, dass Sie diese jetzt von innen verändern wollen?

Es gibt in der Tat zahlreiche ernüchternde Erfahrungen in der Vergangenheit, aber ich möchte vor allem Zukunftsthemen voranbringen – zum Beispiel mit der Agentur für radikale Innovation und einer steuerlichen Forschungsförderung für den Mittelstand. Außerdem frage ich mich wirklich, warum wir nicht wie andere Länder auch Freiheitszonen haben, in denen andere Regeln gelten. Davon bräuchten wir einige hundert, weil unsere Wirtschaft über das Land verteilt ist und wir kein Silicon Valley haben.

Es erscheint naheliegend, dass Sie als ehemaliger Vorstand bei der FDP gelandet sind. War es das für Sie auch?

Auch wenn meine Parteifreunde das nicht gerne hören – ich habe es mir wirklich nicht leicht gemacht und anfangs auch mit dem progressiven Zentrum der SPD und der CDU zusammengearbeitet. Am Ende haben mich zwei Dinge überzeugt. Die FDP war damals ein absoluter Sanierungsfall, das hat mich gereizt (lacht). Außerdem das Thema Freiheit, das für mich als schwuler Mann und Querdenker zum Schlüsselthema wird.

Trotzdem bleibt die FDP eine auf die Person ihres Vorsitzenden zugespitze Männerpartei …

Wenn Christian Lindner mich um Rat fragen würde, sollte er wirklich nicht nur die maskulin wirkenden Symboliken bemühen, sondern klar machen, dass er der Chef einer diversen Partei ist.

Wann führen Sie in der FDP die Frauenquote ein?

Ich glaube nicht, dass sie kommen wird und sie wäre realpolitisch auch falsch. Denn die Hälfte unserer weiblichen Mitglieder will keine Quote und wir können ja nun wirklich keine so genannte Frauenpolitik gegen den Willen der Frauen machen.

Wie sehr schmerzt es einen früheren Top-Manager, dass Sie auf eigenen Wunsch nicht regieren, sondern die Oppositionsbank drücken?

Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich diese Entscheidung leicht genommen habe. Den schlussendlichen Abbruch der Jamaika-Verhandlungen fand ich richtig, aber ich bezweifle, dass wir verhandlungstaktisch durchweg gut aufgestellt waren.

Das müssen Sie genauer erklären!

Als Tarifpolitiker ist man permanente Verhandlungen gewöhnt. Für einen wie mich ist die Tür deshalb konditioniert immer einen Spalt offen, das lässt Manövrierfähigkeit.

Hätten wir mit Thomas Sattelberger am Verhandlungstisch heute eine Jamaika-Koalition?

Das weiß ich nicht. Damals war ich auf jeden Fall viel zu frisch und zu weit weg.

Glauben Sie noch an eine Regierungschance vor der nächsten Bundestagswahl?

Lebendige Leichen leben länger. Für die Beteiligten in der Regierung geht es wahrscheinlich um zu viel, als dass man vorschnell aufgeben wird.

Thomas Sattelberger. Foto: Holger Isermann
Thomas Sattelberger. Foto: Holger Isermann

 

Die wesentlichen Herausforderungen sind alle nicht ganz neu: Ein veraltetes Bildungssystem, Chancenungleichheit, Schneckentempo bei der Digitalisierung, Fachkräftemangel. Wer steht in diesem Land eigentlich auf der Bremse?

Wenn ein Großteil der Bevölkerung nach Fortschritt rufen würde, stünde wahrscheinlich nur bei wenigen Politikern Schneckentempo auf der Agenda. Wir erleben derzeit aber etwas anderes, nämlich den Konservatismus eines alternden Landes, in dem der Besitzstand der Menschen dazu führt, dass sie sich keine Experimente wünschen …

… und so der folgenden Generation die Zukunft rauben?

Die Gefahr besteht. Neben der Demografie bremst uns aber auch das zersplitterte Europa aus, das durch den Brexit weiter massiv geschwächt wird. Außerdem debattieren wir seit Monaten vorrangig darüber, wie wir mit der Flüchtlingskrise umgehen und das nimmt anderen Themen den Raum. Lasst uns stattdessen über die Zukunft reden, über Innovation und den dringend benötigten Kulturwandel.

Braucht es erst eine richtige Krise, damit auch der Letzte versteht, dass man durch Nichtstun nicht einmal den Status Quo erhalten kann?

Sonnenschein oder Krise, ohne Führung ist beides gefährlich. Wir benötigen wieder eine politische Führung, die eine Vision formuliert. Jinping sagt „China first“, Trump „America first“ und Macron hat mindestens eine Vision von Europa.

Wer könnte das Pendant in Deutschland sein?

Instinktiv hätte ich Friedrich Merz, Robert Habeck und Christian Lindner gesagt, aber das wären wieder drei Männer. Wenn Annegret Kramp-Karrenbauer gesellschaftspolitisch weniger rechts und wirtschaftspolitisch weniger links wäre, würde sie für mich dazugehören.

Das war viel Kritik, jetzt mal zum Positiven: Was schätzt der Staatsbürger Thomas Sattelberger am deutschen System?

Dass wir nüchtern und manchmal schmerzlich Bilanz ziehen, aber uns die Erkenntnis dann meist doch eher beflügelt als lähmt. Ich beobachte in meinem Umfeld gerade, dass immer mehr Menschen aus dem Beobachter- in den Täterstatus wechseln und sich engagieren wollen. Das macht mir Mut!

^