20. November 2021
Impulse

Durch den Wasserstoff-Campus sollen Start-ups nach Salzgitter kommen

Jedes Jahr betreut und berät die Wirtschafts- und Innovationsförderung Salzgitter (WIS) rund 200 junge Gründer:innen – und angehende Unternehmensnachfolger. Referentin Nathalie Hauer im Standort38-Interview.

Die Wirtschaftsförderung begleitet und berät junge Gründer:innen bei ihrem Weg zur eigenen Firma. Foto: Danielle MacInnes / Unsplash

Bisher ist Salzgitter als Industriestandort nicht das klassische Umfeld für Start-ups. Das soll sich mit dem Wasserstoff-Campus ändern. Seit 18 Jahren kümmert sich Nathalie Hauer um Existenzgründer:innen und Unternehmensnachfolgen. Neben der Beratung zu Förderung und Finanzierung sind es die sich immer wieder verändernden Rahmenbedingungen, wie Förderperioden oder die Corona-Pandemie, die zur Herausforderung werden können.

Frau Hauer, welche Unterstützungsangebote gibt es für junge Gründer:innen in Salzgitter?

Interessierte Existenzgründer haben viele Fragen: Welche Chancen und Risiken birgt meine Unternehmensgründung, wie erstelle ich ein schlüssiges Unternehmenskonzept, welche Fördermöglichkeiten gibt es und was muss generell beachtet werden? Eine umfassende Beratung zu Planung und Finanzierung von Gründungen ist daher immens wichtig.

Wir von der Wirtschaftsförderung möchten unterstützen, diese Herausforderung zu meistern und bieten persönliche Beratungsgespräche, Workshops, das Beratungsnetzwerk, Veranstaltungen, die Gründerwoche und alle zwei Jahre den Gründertag Salzgitter an. Auch gibt es finanzielle Unterstützung wie den Beratungsfonds Salzgitter, das Förderprogramm für den inhabergeführten Einzelhandel und das Förderprogramm für Existenzgründungen und Kleinbetriebe.

Was steckt hinter dem Beratungsfonds Salzgitter?

Den Beratungsfonds Salzgitter haben wir seit etwa 20 Jahren. Dabei sollen Gründer durch eine Beratung von Experten unterstützt werden, die diese möglicherweise von sich aus nicht in Anspruch nehmen würden. Viele planen oftmals erst ihre Investitionen. Wenn ein bankfähiger Geschäftsplan für Finanzierungsgespräche erwartet wird, kommt spätestens die Frage nach professioneller Hilfe. Für diese koordiniert die WIS das Beratungsnetzwerk Salzgitter, das als Zusammenschluss von Institutionen und Personen Unterstützung bietet. So findet sich innerhalb des Beratungsnetzwerkes Salzgitter ein umfangreiches und vielfältiges Angebot an Gründungs-, Technologie-, Finanzierungs-, Rechts- und Marketingberatung.

Als Referentin für Wirtschaftsförderung kümmert sich Nathalie Hauer nicht nur um Unternehmen, die noch in der Gründungsphase sind. Sie ist auch die richtige Ansprechpartnerin für das Thema Nachhaltigkeit. Foto: WIS

Und die anderen städtischen Förderprogramme?

Mit dem Förderprogramm für den inhabergeführten Einzelhandel unterstützt die Wirtschafts- und Innovationsförderung Salzgitter GmbH Inhaber von neuen Ladengeschäften in zentrenrelevanten Branchen. Gefördert wird in Form eines nicht rückzahlbaren Zuschusses bis zu 50 Prozent zur monatlichen Nettokaltmiete, maximal 500 Euro, über einen Zeitraum von sechs Monaten.

Dieser Zeitraum verlängert sich ab sofort auf zwölf Monate, sodass sich die Fördersumme auf maximal 6.000 Euro verdoppelt. Das kommunale Programm Förderung von Existenzgründungen und Kleinbetriebe unterstützt Investitionen von Kleinunternehmen und Existenzgründungen. Die Förderung erfolgt in Form eines projektbezogenen, nicht rückzahlbaren Zuschusses als Anteilsfinanzierung im Rahmen der Gesamtfinanzierung.

Mit Blick auf große Nachbarn wie Braunschweig. Wer gründet sein Unternehmen in Salzgitter?

Als drittgrößter Wirtschaftsstandort Niedersachsens ist Salzgitter durch eine starke Position im Bereich des verarbeitenden Gewerbes geprägt. In diesem Wirtschaftszweig arbeitet mehr als die Hälfte aller Erwerbstätigen Salzgitters. Technisch- und wissenschaftsaffine Gründungen bleiben eher in direkter Nähe zur TU Braunschweig, sodass wir in Salzgitter kaum Gründungen von Start-ups haben, sondern eher die traditionellen Existenzgründungen, die wichtig für Salzgitter als Industriestandort sind.

Perspektivisch gesehen ist es aber geplant, dass sich mit dem Aufbau des Wasserstoff-Campus Salzgitter Start-ups ansiedeln. Dort wird das Ziel verfolgt, Wasserstofftechnologien entlang der gesamten Wertschöpfungskette von der Erzeugung bis zur Nutzung zu realisieren und als Ausbildungsplattform zu fungieren. Aufgrund dieser zukunftsträchtigen Thematik sind wir überzeugt, dass sich das Gründungsgeschehen am Standort Salzgitter verändern wird.

Wie können sich die Unternehmer:innen auf ein Beratungsgespräch für ihren Förderbedarf vorbereiten?

Bei einer Einstiegsberatung spielen Zahlen im ersten Schritt noch keine wesentliche Rolle. In vielen Einstiegsgesprächen geht es oft um die Herangehensweise. Viele Fragen fangen wir in unserem monatlich stattfindenden Workshop „Erfolgreich starten!“ ab. Aber generell ist ein gut durchdachter Investitionsplan wichtig. Wer einen Überblick über seinen tatsächlichen Bedarf hat, kann natürlich auch besser und konkreter beraten werden.

Wie viele Unternehmen haben Sie in den vergangenen Jahren bereits begleitet?

Viele! Eine genaue Zahl gibt es nicht. Denn es gibt immer auch Gespräche, die nicht sofort zu einer Gründung führen. Und natürlich gründet auch am Ende nicht jeder, der unsere Workshops besucht oder von uns beraten wurde. Aber insgesamt kann man sagen, dass ohne Corona jedes Jahr rund 200 Gründungswillige von uns beraten werden. Bei vielen bleibt es bei einem Gespräch, bei mindestens ebenso vielen gibt es Folgegespräche oder Begleitung durch unsere Förderprogramme. Zunehmend ist außerdem die Zahl der Unternehmensnachfolgen.

Ein spannender Aspekt: Gerade Familienunternehmen müssen sich irgendwann mit dem Thema Nachfolge befassen …

Das dürfte in Salzgitter nicht anders sein als in anderen Städten. Es ist auch eine Frage des Unternehmertyps und der Mentalität. An sich gibt es kein bestimmtes Alter, ab dem man suchen muss oder sollte. Aber man muss sich auch klar machen, dass eine Suche länger dauern kann oder der erste Versuch mit einem Interessenten, der zunächst vielversprechend aussieht, nicht immer auch in der gewünschten Nachfolge endet.

Die Frage ist auch, wie offensiv man mit der Suche nach einem Nachfolger umgeht. Auch hier gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen: Der Unternehmer, der ganz offen sagt, dass er sein Unternehmen abgeben möchte. Und der Unternehmer, der das Tagesgeschäft normal fortführt und diskret die Nachfolge vorbereitet, weil er weder Mitarbeiter noch Lieferanten, Kooperationspartner oder Kunden verschrecken will.

Die Geschäftsstelle der WIS in Salzgitter-Bad, in direkter Nachbarschaft zur Salzgitter Maschinenbau AG. Foto: WIS

Wann sollten sich Geschäftsführer:innen oder Inhaber:innen mit der Nachfolge beschäftigen?

Wenn keine familieninterne Nachfolge möglich und eine betriebsinterne Nachfolge ebenfalls nicht realisierbar ist, ist eine externe Suche auf dem freien Markt unumgänglich. Jeder Unternehmer kennt seine Branche und weiß wahrscheinlich schon selbst, wo er mal gucken und anfragen kann.

Natürlich spielt auch die Größe des Unternehmens eine Rolle. Stehen Investitionen an, müssten neue Kredite aufgenommen werden. Wie ist der Stand der Qualifikation der Mitarbeiter oder wie geht es dem Unternehmer selbst? Wie lange traut er sich die Leitung gesundheitlich zu? Ausgehend von einem Renteneintrittsalter von 67 Jahren, sollte die Suche nicht erst mit 66 Jahren begonnen werden!

An welchen Punkten können Sie helfen?

Bei der externen Suche. Wir kennen die Unternehmen am Standort und können nachfolgewillige Gründer mit den Unternehmen zusammenbringen. Wir können aber auch bei der betriebsinternen Nachfolge helfen. Sollten Gespräche stocken, reicht manchmal ein neutraler Dritter, um Schwierigkeiten auszuräumen. Das können wir sein. Und wir unterstützen bei Fragen zur Finanzierung und geben nicht zuletzt Beratung zu unseren eigenen Förderprogrammen. Im Projekt Unternehmensnachfolge, arbeiten wir in enger Kooperation mit der Allianz für die Region GmbH und anderen Akteuren der Region zusammen. So werden Lösungen gefunden, um erfolgreiche Nachfolgeregelungen zu realisieren. Kernstück dieses Projekts ist der nicht öffentliche Regionalpool mit Übergabe-Unternehmen und Nachfolge-Interessierten.

Gab es während der Pandemie überhaupt Neugründungen?

Es hat sich natürlich spürbar verändert. Wir hatten im Februar 2020 einen erfolgreichen Gründertag im Technologie- und Gründerzentrum. Unsere Terminkalender für weiterführende Beratungen waren voll, die Gründungsinteressierten standen sozusagen in den Startlöchern. Und drei Wochen später kam der Lockdown. Unser Tagesgeschäft war sofort geprägt von der Beratung und Unterstützung der Unternehmen, die sich von einer Schließung bedroht sahen, Soforthilfen beantragen mussten und auf ein schnelles Ende der Krise hofften. Gründungsinteressierte warteten häufig erst einmal ab.

Trotzdem gab es auch in den ersten Wochen der Corona-Pandemie immer wieder Anfragen bezüglich der Gründungsberatung. Die Umstellung auf digitale Beratung haben alle schnell angenommen. Viele haben die Krise schließlich für eine gute Planung genutzt. Und natürlich gibt es auch Gründer, die darin ihre Chance sahen und sich nicht abschrecken ließen. Auch wenn die Zahlen noch nicht wieder bei 100 Prozent sind, merkt man mittlerweile den deutlichen Anstieg nach der langen Lockdown-Pause.

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