Auf den Spuren der Teilzeit-Vorurteile

Wie sehen Arbeitgeber, aber auch Arbeitnehmer in Deutschland Teilzeitbeschäftigung? Studien schaffen Klarheit!

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Teilzeit fördert Flexibilität und Produktivität

Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt, dass Teilzeitarbeit Flexibilität und Produktivität fördert. Auch unter Ertragsgesichtspunkten wird Teilzeitarbeit von Betrieben als sehr vorteilhaft eingestuft. Vor allem Kleinbetriebe sehen betreffend der Kosten Vorteile. Für Großbetriebe bietet Teilzeitarbeit jedoch nicht nur Vorteile, weil Kommunikationswege und auch Arbeitsabläufe vielfach neu organisiert werden müssen. In allen Branchen und Betriebsgrößen wird Teilzeitarbeit in Bezug auf die Arbeitszufriedenheit und Produktivität der Mitarbeiter sehr positiv eingeschätzt. Aus Sicht der Betriebe ist Teilzeitarbeit auch vorteilhaft für die Bindung an das Unternehmen und das Betriebsklima. Im Allgemeinen bewerten mehr als die Hälfte der befragten Betriebe Teilzeit als positiv.

Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (2006)

Teilzeitarbeit, der gemütliche Karrierekiller

Teilzeitkräfte schätzen ihre Chancen bei der Jobsuche relativ gering ein. Nur 46,3 Prozent der Teilzeit-Arbeitnehmer sehen eine sehr gute oder gute Chance, einen neuen Job zu finden. Teilzeit schafft zwar Freiheiten, aber für die Karriere ist sie wenig förderlich – die Karrierechancen für Vollzeitbeschäftigte sind deutlich besser. Vollzeitbeschäftige schätzen ihre Chancen auf einen neuen Job mit 63,4 Prozent auch deutlich besser ein. Teilzeitarbeit verringert vor allem die Chance auf Führungspositionen, genauso auf Gehaltssprünge. Laut dem Geschäftsführer des Personalunternehmens Orizon müssten vor allem junge Frauen aufpassen, dass sie sich mit einer Teilzeitstelle nicht ins berufliche Abseits stellen. Denn es gibt keinen Anspruch darauf, wieder in die alte Position zurückzukehren.

Quelle: Orizon Arbeitsmarktstudie (2015)

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Ideal der häuslichen Arbeitsteilung besteht weiter

Eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung begründet die niedrige Anzahl von teilzeitbeschäftigten Männern. Dass Männer, vor allem Väter, ihre Arbeitszeiten nicht reduzieren oder die Elternzeit nutzen, ist in den meisten Fällen auf betriebliche Hindernisse zurückzuführen. Gründe hierfür sind zum Beispiel mangelndes Verständnis und knappe Personalausstattung. Vor allem in Führungspositionen und „typischen Männerberufen“ besteht weiter die Vorstellung der häuslichen Arbeitsteilung von Mann und Frau. Gerade bei Männern gilt weiterhin das Ideal der Vollzeitarbeit, gar der zusätzlichen Überstunden.

Quelle: Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut WSI der Hans-Böckler-Stiftung (2016)

Jede zweite Frau 2017 teilzeitbeschäftigt

1991 war ein Drittel der Frauen in Teilzeit tätig. Im Jahr 2017 hingegen schon jede zweite Frau. Besonders bis 2006 stieg der Anteil der teilzeitbeschäftigten Frauen stark an. Die Teilzeitquote der Männer stieg von 1991 bis 2017 fast kontinuierlich von 2 auf 11 Prozent.

Quelle: WSI GenderDatenPortal (Hans-Böckler-Stiftung, 2018)

Frauenquote stieg doppelt so viel wie die Männerquote

Der Anteil der in Teilzeit Arbeitenden hat von 1991 bis 2017 deutlich zugenommen – sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Die Schere zwischen den Teilzeitquoten der beiden Geschlechter hat sich bis 2017 enorm vergrößert. Die Quote der Frauen stieg mit 16 Prozent fast doppelt so viel wie die der Männer mit knapp 9 Prozent. Die genderspezifische Lücke der Teilzeitquote stieg somit von 28 Prozent im Jahr 1991 auf 35 Prozent in 2017.
Quelle: WSI GenderDatenPortal (Hans-Böckler-Stiftung, 2018)

Teilzeit ist somit tatsächlich weiblich – jedoch bewusst

Gerade Frauen entscheiden sich bewusst dafür, nicht in Vollzeit zu arbeiten. Laut einer Studie des DELTA-Instituts für Sozial- und Ökologieforschung aus dem letzten Jahr gibt es gar eine Gegenbewegung, die Teilzeitarbeit in ein besseres Licht rücken und positiv konnotieren soll: Denn gerade Frauen haben eine konkrete Vorstellung ihres Erwerbsumfangs und der Balance von privatem Leben und Arbeiten. Demnach arbeiten 82 Prozent aller Frauen freiwillig und gerne in Teilzeit – 52 Prozent sogar äußerst gern. Nur 12 Prozent befänden sich nach eigenem Ermessen in einer „Teilzeitfalle“.
Quelle: DELTA-Institut (2018)

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59 % der Frauen möchten weiter Teilzeit arbeiten

Die Durchschnittsarbeitszeit beträgt 21,5 Stunden pro Woche, viele Frauen würden sich aber mehr Stunden wünschen. Die Leistungsbereitschaft steigt: In Zukunft wollen die meisten teilzeiterwerbstätigen Frauen mehr arbeiten. Direkt Vollzeit umsteigen möchten dabei aber nur 16 Prozent aller Frauen – 59 Prozent sehen sich in fünf Jahren weiterhin in Teilzeit. Knapp ein Drittel haben sich anspruchsvolle berufliche Ziele gesetzt – deren Realisierung trotz Teilzeit möglich ist. Ambitionierte und qualifizierte Frauen in Teilzeit sind sich außerdem sicher: Führungsqualität und Leistung von Frauen in Teilzeit müssen nicht schlechter sein als in Vollzeit.
Quelle: DELTA-Institut (2018)

Partnerschaft begünstigt Teilzeitarbeit

Laut dem Statistischen Bundesamt waren im Jahr 2017 69 Prozent der erwerbstätigen Mütter und 6 Prozent der erwerbstätigen Väter mit minderjährigen Kindern in Deutschland in Teilzeit beschäftigt. Ob eine Tätigkeit in Teilzeit ausgeübt wird, hängt stark von der Familienform der Elternteile ab. Der Anteil alleinerziehender Mütter, die in Teilzeit arbeiten, lag bei 58 Prozent. Mütter, die in einer Partnerschaft leben, waren mit 71 Prozent häufiger teilzeitbeschäftigt. Väter sind in beiden Fällen seltener teilzeitbeschäftigt: Alleinerziehende Väter waren zu 12 Prozent und in einer Partnerschaft lebende Väter zu 6 Prozent in Teilzeit tätig.
Quelle: Statistisches Bundesamt (2018)

Teilzeit im Westen bei Frauen mehr ausgeprägt

Die Beschäftigungen in Teilzeit hängen ebenfalls vom Ort ab: in Ost- und Westdeutschland wurden Unterschiede der Mütter in Teilzeit verortet. Demnach arbeiteten 2017 in Ostdeutschland 49 Prozent der Mütter minderjähriger Kinder in Teilzeit, im Westen hingegen 74 Prozent. In Westdeutschland unterschieden sich die Anteile der in Teilzeit tätigen Mütter, je nach Familienform – in Partnerschaft lebende Frauen arbeiteten zu 76 Prozent in Teilzeit, alleinerziehende Mütter zu 61 Prozent. Im Osten hingegen spielte eine Partnerschaft keine Rolle: Mütter arbeiteten zu 49 Prozent in Teilzeit, egal, ob in einer Partnerschaft oder nicht. In Ostdeutschland arbeiteten 8 Prozent und in Westdeutschland 6 Prozent der Väter in Teilzeit.
Quelle: Statistisches Bundesamt (2018)

Geringe Akzeptanz

Das Recht, seine Arbeitszeit nach seinen Bedürfnissen zu richten, ist durch Gesetze und Tarifverträge geregelt – doch das allein reicht nicht, damit Teilzeitarbeit akzeptiert wird. Eine Studie von Dr. Christina Klenner und Dr. Yvonne Lott zeigt, dass Beschäftigte häufig auf Widerstände treffen, wenn sie ihre Rechte durchsetzen wollen. Nach dieser Studie hängt dabei viel von den Vorgesetzen ab – viele sehen es nicht als Führungsaufgabe, Teilzeitarbeit zu ermöglichen. Die Akzeptanz für Teilzeitarbeit unterscheidet sich von Beruf zu Beruf, dabei spielt auch das Geschlecht und die Position eine wichtige Rolle. Gerade in kleinen Unternehmen, in denen durch kürzere Arbeitszeiten eine höhere Belastung für Kollegen entsteht, ziehen Teilzeitbeschäftigte Unmut auf sich.
Quelle: Hans-Böckler-Stiftung (2016)

 

 

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