Machtverhältnisse auf den Kopf stellen

Prof. Dr. Gottfried Orth, Leiter des Seminars für Evangelische Theologie und Religionspädagogik an der TU Braunschweig und Dr. Ingrid Wiedenroth- Gabler, Wissenschaftliche Direktorin des Seminars, im Interview

Foto: Stephanie Link

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Herr Prof. Orth, Frau Dr. Wiedenroth-Gabler, in Niedersachsen ist der Reformationstag seit diesem Jahr Feiertag. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Wiedenroth-Gabler: Ich habe nicht verstanden, warum die Evangelische Kirche das als Erfolg gefeiert hat. An einem freien Tag kann man Halloween noch besser vorbereiten. Es wird sich zeigen, ob sich Menschen der Bedeutung dieses Feiertags überhaupt bewusst werden.

Orth: Der Bürgermeister von Wittenberg hat sich vor Kurzem heftig darüber beklagt, dass die Kirchen, die mit dem Reformationsjubiläum gegebenen Chancen nicht fortführen. Ob da ein institutionalisierter Reformationstag hilfreich ist, bezweifle ich.

Leben wir in Zeiten von Entkirchlichung?

Orth: Ja. Viele Menschen sagen Ja zu christlichem Glauben und Nein zur Kirche. Das kann ich verstehen. Christlicher Glaube unterliegt heute einer Individualisierung. Die Gemeinden in ihren oftmals alten und starren Strukturen gehen da nicht mit. Deshalb wird die Kirche kleiner und Formen und Institutionalisierungen ändern sich. Dabei geht es mir beispielsweise nicht zuerst um die Bestandserhaltung der Kirche, sondern um die Verkündung des Evangeliums.

In diesem Jahr ging ein starker Rechtsruck durch Chemnitz und die AfD ist seit der Hessenwahl in allen Landtagen vertreten. Welche Rolle spielt Kirche in dieser Zeit?

Orth: Die Kirche ist Teil des Problems. Nicht nur mit Blick auf ihre Mitglieder, sondern in ihrer Struktur. Und nur wenn wir das anerkennen, können wir den Problemen entgegentreten und Teil der Lösung werden. Christlicher Glaube bewahrt offensichtlich nicht davor, AfD-Wähler zu werden. Das ist furchtbar.

Sie sind Leiter des Projekts „Evangelische Kirchen in Deutschland, der Schweiz und Österreich gegen Rechtsextremismus“, Herr Orth. Welche Erfahrungen machen Kirchen?

Orth: Ein Problem innerhalb der Kirche ist beispielsweise der Umgang mit Menschen, die Kirchenvorsteher werden wollen, von denen aber bekannt ist, dass sie AfD-Mitglieder sind. Da heißt es: Klare Kante gegen Rechts, gegen diese Partei und das, was sie in unserem Land freisetzt. Zugleich brauchen wir viel Verständnis für die Menschen, die sie wählen. Dabei geht es oftmals um Fragen nach sozialer Sicherung und viel weniger um Migration und geflüchtete Menschen.

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