„Das ist eine Once in a Lifetime Geschichte“

Für Wilhelm Schmidt und Philipp Cantauw ist das Reisen nicht nur persönliche Leidenschaft, sondern auch Grundlage für unternehmerischen Erfolg. Standort38 traf die beiden Geschäftsführer von Der Schmidt in der Wolfenbütteler Unternehmenszentrale zu einem Gespräch über Kaffeefahrten in die Heide, die Renaissance einer Traditionsmarke und neue Märkte über den Wolken

Standort38 traf die beiden Geschäftsführer von Der Schmidt in der Wolfenbütteler Unternehmenszentrale zu einem Gespräch über Kaffeefahrten in die Heide, die Renaissance einer Traditionsmarke und neue Märkte über den Wolken... Foto: Holger Isermann

Mit einem Ladenlokal in der Langen Straße 14 in Wolfenbüttel fängt alles an. 1961 kauft Firmengründer Josef Schmidt seinen ersten Büssing-Bus – Typ 11 R U7 H – und schickt ihn auf Reisen. Aus diesem kleinen Busunternehmen ist in den vergangenen 60 Jahren ein Reiseanbieter mit sechs Geschäftsfeldern und mehr als 150 Mitarbeitern geworden. Vor allem die Voll-Charterflüge von Braunschweig und Paderborn haben sich zu einer lukrativen Nische entwickelt, die Reise-Giganten wie die TUI nicht bedienen. An der Spitze der Reisebüro Schmidt GmbH stehen heute Firmenerbe Wilhem Schmidt und Philipp Cantauw. Das Führungsduo versteht sich blendend, setzt auf Innovationen und hat sich zugleich der Tradition verschrieben. Das zeigt kein Datum besser als der 8. Mai 2017.  An diesem Tag erlebt mit der Präsentation der neuen Büssing-Busse auf dem Braunschweiger Burgplatz eine legendäre Marke ihre Renaissance – und zugleich schließt sich ein Kreis in der eigenen Firmengeschichte. So richtig glücklich ist Wilhelm Schmidt trotz aller Freude über die neuen Fahrzeuge mit diesem Bild nicht. „Das klingt mir zu sehr nach einem Ende“, sagt er beim Titelinterview. „Aber wir fangen gerade erst an.“


Herr Schmidt, seit über 60 Jahren ist Ihre Familie im Geschäft mit dem Fernweh. Wie hat damals mit Josef und Gisela Schmidt in der Langen Straße 14 in Wolfenbüttel alles begonnen?


Wilhelm Schmidt: Es war ein ganz kleiner Eckladen, vielleicht 40 Quadratmeter groß. Dahinter ging eine Treppe hoch und da haben wir gewohnt. Zwei Erwachsene und zwei Kinder. Das Ganze war geplant als Vorverkaufsstelle für meinen Großvater, der bereits ein Fuhr- und Busunternehmen hatte.


Warum ist Ihr Vater nicht dort eingestiegen?


W
.S.: Für fünf Jungs ist natürlich kein Platz auf einem Hof. Drei der Brüder sind Busunternehmer geworden – einer in Langelsheim, einer in Dorstadt, einer in Wolfenbüttel und zwei Hoteliers in Lamspringe und in Goslar.


Was ist daraus geworden?


W.S.: Die Hoteliers gibt es noch und von den Busunternehmen sind nur noch wir hier in Wolfenbüttel übriggeblieben.


Was war damals das Geschäftsmodell Ihrer Eltern?


W.S.: Im Prinzip haben sie die Reisen meines Großvaters und auch Pauschalreisen verkauft. Sie haben als Reisebüro angefangen und nicht als Reiseveranstalter. Erst 1961 hat mein Vater einen ersten Bus gekauft. Der steht noch heute dort unten (zeigt auf den Hof).


Wo sind die Leute damals hingefahren? In den Harz und die Heide oder auch weiter weg?


W.S.: Es gab natürlich die klassischen Tagesfahrten. Wir sind aber auch schon nach Österreich, an den Gardasee oder nach Toblach in Südtirol zum Skilaufen gefahren. Dort bin ich als Kind immer dabei gewesen.


Wie mutig war die Entscheidung, damals einen Bus zu kaufen?


W.S.: Mein Vater hat wenig Geld von meinem Großvater mitbekommen, um die Existenz zu gründen. Und so ein Bus war auch damals schon ein großes Investment. Das war sicherlich ein mutiger Schritt, aber eben in einer aufstrebenden Zeit. Da hat er schon den richtigen Riecher gehabt.


Wie haben Sie die Zeit in Erinnerung?


W.S.: Für mich als Kind war es ein ganz einfaches Leben. Meine Eltern leben bis heute sehr sparsam. Ich habe mich nicht als Unternehmerkind gefühlt. Meinen Vater habe ich quasi nie gesehen. Er ist mittags nach Hause gekommen, hat gegessen und Mittagsschlaf gemacht und ist danach wieder ins Büro. Und am Wochenende war er auch im Büro. Meine Mutter hat damals die Buchhaltung für das Unternehmen gemacht.


Haben Sie in irgendeiner Form mitgeholfen?


W.S.: Schon als Kind bin ich natürlich im Büro und in der Werkstatt herumgelaufen. Später habe ich in der Werkstatt mitgeholfen oder Briefe ausgetragen, wenn im Dezember ein neuer Katalog herauskam.


Wie ging es dann weiter für Sie?


W.S.: Ich war ein extrem schlechter Schüler und hatte verschiedene Schulen in Wolfenbüttel durch. Für das Abitur hat es nicht gereicht. Ich habe gerade so meine mittlere Reife geschafft, aber auch nur, weil meine Biologie-Lehrerin ein Auge zugedrückt hat (lacht). An der Höheren Handelsschule in Braunschweig wurden die Noten dann schon besser.


War für Sie klar, dass Sie einmal ins Familienunternehmen einsteigen?


W.S.: Für mich war Tourismus immer gesetzt. Ich habe nie etwas anderes im Kopf gehabt und bin dann zur Ausbildung in ein Reisebüro nach Hannover gegangen.


Sie haben Reisekaufmann gelernt?


W.S.: Ja, danach ging es zur Reisever- kehrsakademie nach Düsseldorf. Da habe ich einen staatlich geprüften Betriebswirt gemacht. Eigentlich hat man zwei Jahre Berufserfahrung benötigt, um das Studium zu beginnen. Da habe ich dem Regierungspräsidenten geschrieben, dass ich schnell ins Familienunternehmen einsteigen muss und eine Sondergenehmigung brauche. Das hat geklappt …


… der Einstieg ins Unternehmen auch?


W.S.: Nicht wirklich. Mein Vater ist ein sehr starker Patriarch. Da wächst kein Pflänzchen neben ihm. Nach kurzer Zeit habe ich mich deshalb entschieden, noch einmal hinaus in die Welt zu gehen. Erst war ich über ein Jahr in Israel und Ägypten, dann auf russischen Kreuzfahrtsschiffen auf allen Weltmeeren unterwegs. Das war eine tolle Erfahrung.


Was hat Sie auf See am meisten fasziniert?


W.S.: Die Menschen sind unheimlich freundlich, nett und liebevoll – und das obwohl wir eigentlich gar keinen Kontakt haben durften. Aber wenn ein russischer Kapitän mich mochte, haben sich schon Gespräche entwickelt. Es saß dann aber in einem respektablen Abstand ein Politoffizier dabei, der aufpasste, dass wir nichts Falsches sagen. Und natürlich gab es pro Person eine Literflasche Wodka. Wenn die leer war, durfte ich schlafen gehen (lacht).


Im Jahr 1984 ging es dann doch wieder zurück nach Wolfenbüttel. Wie sah das Unternehmen damals aus?


W.S.: Es war sehr durch den Bus geprägt. Ich bin dann erst einmal in den Verkauf gegangen und habe die ersten Eigenveranstaltungen organisiert. Das war noch vor der Liberalisierung. Früher gab es ja nur TUI- und Neckermann-Büros und niemand durfte Angebote des anderen verkaufen.


Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Ihrem Vater entwickelt?


W.S.: Es blieb immer eine Herausforderung. Ich habe mich dann auf den Tourismusbereich konzentriert und einfach mein Ding gemacht. Wir sind nach Braunschweig expandiert und nach der Grenzöffnung auch nach Magdeburg, Halberstadt und Burg.

Die Grenzöffnung ist ein gutes Stichwort. Wie hat sie Ihr Unternehmen durch dieses historische Ereignis verändert?


W.S.: Es herrschte Aufbruchstimmung. Wir haben damals fast täglich Reisen nach Paris, Venedig und London angeboten. Die Reisegäste haben uns Briefe geschrieben: „Hiermit bewerbe ich mich für eine Reise nach Paris, der Termin ist mir egal – bitte nehmen Sie mich mit.“ Unvorstellbar, oder?


Klingt mindestens nach Goldgräberstimmung …


W.S.: Absolut. Wir sind damals massiv gewachsen, haben aber nichts verdient, weil wir zu billig verkauft haben (lacht).


Haben Sie den Menschen zum ersten Mal die Welt gezeigt?


W.S.: Ja, wenn Sie in Magdeburg den Namen ,, Reisebüro Schmidt“ nennen – den kennen dort noch heute viele.


Fasziniert Sie das an der Branche – dass man Menschen tendenziell glücklich macht?


W.S.: Das ist das eine. Zum anderen reisen wir beide selbst gern und schauen uns neue Länder an. Wir haben keine Ferienwohnung oder Ferienhäuser, sondern lieben das Neue.


Herr Cantauw, wann sind Sie in das Unternehmen eingetreten?


Philipp Cantauw: 1993. Ich war vorher in den USA, habe da meinen High-School-Abschluss gemacht und bin dann eingestiegen.


Warum Tourismus und warum gerade das Reisebüro Schmidt?


P.C.: Weil mich dieser Bereich neben der Werbung schon immer interessiert hat. Das ist eine persönliche Affinität. Die Entscheidung fiel nach dem Motto „Gereist wird ja immer“ und über einen Freund der Familie kamen wir auf das Unternehmen Schmidt. Er meinte: ,,Die sind gut aufgestellt.“ Also habe ich eine Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann begonnen.


Was denken Sie heute?


P.C.: Es war die absolut richtige Entscheidung. Für mich zählt die spontane Kreativität. Bei uns reicht manchmal eine kleine Idee, um etwas ins Rollen zu bringen. Wir müssen keine großen Industrielinien umstellen und können verhältnismäßig spontan in unserer Größenordnung Dinge verändern. Das ist unglaublich spannend.


Herr Schmidt, wann haben Sie gemerkt, dass Sie Herrn Cantauw mehr zutrauen?


W.S.: Er war von Anfang an sehr engagiert bei der Sache; einer, der immer vorne dabei ist und schnell viel Verantwortung übernommen hat. Der Rest hat sich entwickelt.


Wie wurde aus dem Reisebüro Schmidt eigentlich Der Schmidt?


W.S.: Wir haben nicht umfirmiert. Die Firma heißt noch Reisebüro Schmidt, die Marke ist ,,Der Schmidt – Urlaub mit Herz“. Die Idee kam 1993 auf. Ich war der Überzeugung, dass wir eine starke Marke brauchen und kannte Friedhelm Kranz und Martin Bretschneider von Gingko gut. Friedhelm saß dann in meinem Büro und hat das Reisebüro durchgestrichen. Stattdessen hat er ,,Der“ davor geschrieben und später das rote Design nachgeschoben.


War das damals unüblich?


W.S.: Absolut. Rot war die Feuerwehr. Ich hatte schon immer einen guten Draht zu MAN. Damals wurden dort ja noch Busse gefertigt und ich bin in die Lackiererei gegangen und habe mir unter gefühlt 3.000 Rottönen einen ausgesucht. Mit einer in Fiat Rosso Micra Metallic lackierten Kofferraumklappe bin ich zurückgekommen – und das ist noch heute unsere Firmenfarbe.


Wie wichtig sind die Busreisen heute noch für Ihr Unternehmen?


P.C.: Wir haben in den letzten Jahren eine Metamorphose der Marke erlebt. Früher, als wir Der Schmidt aus der Taufe gehoben haben, stand darunter Internationale Busreisen. Vor einigen Jahren haben wir gesagt, dass wir unsere Kunden nicht mehr über ein Verkehrsmittel ansprechen wollen …


… sondern?


P.C.: Wir agieren als Reiseveranstalter, der verkehrsmittelunabhängig die Bedürfnisse der Menschen anspricht.


Was heißt das konkret?


P.C.: Wenn ich Ihnen jetzt anbieten würde, gemeinsam eine Busreise zu machen, wären Sie wahrscheinlich nicht sofort begeistert. Wenn ich aber einem Kochfan sage, es gibt eine Show mit Christian Rach und ausgewählten Gästen, wäre die Chance schon größer und eventuell steht dann auch ein Bus vor der Tür, der uns hinbringt.


Bei Busreisen denkt man in der Tat immer noch etwas an die einstigen Kaffeefahrten. Hat das Transportmittel ein Image-Problem?


W.S.: Das Image wird man nie ganz wegbekommen und ja, es sind viele ältere Menschen, die eine Busreise machen. Darum sind wir auch bemüht, das Produkt zu verjüngen. Unser neuestes Baby ist ja der Büssing-Bus, der mit ganz viel Lokalpatriotismus in Braunschweig aufgenommen worden ist. Es ist wirklich einzigartig, dass der MAN-Marketingvorstand irgendwann gesagt hat, ok wir machen das. Das ist eine Once in a Lifetime-Geschichte, ein ganz großer Glücksfall.

 

P.C.: Wir haben übrigens wohl den einzigen Buskatalog in Deutschland, der keinen Bus aufweist, weil wir der festen Überzeugung sind, dass die Kunden nicht den Bus buchen. Auf unseren Flugreisekatalogen zeigen wir ja auch die Urlaubsorte und nicht nur Flugzeuge.


Was buchen die Menschen stattdessen? Ein Erlebnis?


P.C.: Genau. Und zwar je nach Zielgruppe sehr unterschiedliche. Wir machen mittlerweile große Marktforschungsanalysen und haben nicht mehr nur einen Katalog pro Jahr. Das ist das Amazon-Prinzip, das richtige Produkt zum richtigen Zeitpunkt an die richtige Person zu vermitteln. Es gibt zum Beispiel einen Katalog für jüngere Menschen, in dem wir natürlich keine Schwarzwaldreise platzieren würden, weil das unserer Marke eher schaden als nützen würde.

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