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„China ist die größte Blase der Weltwirtschaftsgeschichte“

Sein Arbeitsplatz unterhalb der Kurstafel machte ihn zum Gesicht der Frankfurter Börse und brachte ihm den Titel „Mr. Dax“ ein. Der 50-Jährige ist erfolgreicher Bestsellerautor und wird von Medien wie dem Spiegel oder der FAZ zugleich für seine kontroversen Thesen kritisiert. Standort38 hat nachgefragt, ob es nicht auch ein bisschen „leiser“ geht, wie frei der Markt wirklich ist und warum der nächste große Crash nicht lange auf sich warten lassen wird …

Foto: Marvin-Stroeter

Herr Müller, die erste Frage muss ich stellen: Können Sie „Mr. Dax“ eigentlich noch hören?

Ich habe mich mittlerweile dran gewöhnt. Der Name stammt ja nicht von mir, sondern von den Medien und ich nehme es hin. Dirk Müller ist vielleicht auch zu gewöhnlich (lacht).

Haben Sie den Titel denn auch verdient?

Ich habe einen Großteil meines Lebens an der Börse und den Finanzmärkten verbracht und kann mich dort halbwegs stolperfrei bewegen. Aber jeder, der behauptet, dass er dieses komplexe System vollumfänglich verstanden hat, schwindelt. Vieles lässt sich erklären, aber eben nicht alles.

Bleibt die Börse selbst für Kenner ein Mysterium?

Das nicht, aber es gibt immer überraschende Entwicklungen oder Bewegungen. Die Einflussnahme auf die Märkte hat in den vergangenen Jahren zugenommen, das macht gerade den kurzfristigen spekulativen Bereich zum Glücksspiel – und das ist alles unter zwei Jahren.

Sie gehen sogar einen Schritt weiter und behaupten, dass Kursprognosen völliger Humbug sind …

Ich kann Ihnen nicht sagen, wie der Markt Ende des Jahres aussehen oder wo der DAX in zwei Wochen stehen wird. Wer das von sich behauptet, ist ein Scharlatan.

Aber …

Wir werden mit hoher Wahrscheinlichkeit in zehn Jahren noch stärker elektronisch einkaufen und bezahlen als heute. Unternehmen wie Amazon oder Mastercard dürften Gewinner dieser Entwicklung sein und mehr Umsatz machen. Auch wenn der Aktienkurs kurzfristig schwankt, wird er sich langfristig immer am Wert der Unternehmen orientieren.

Die Deutschen gelten als Aktienmuffel. Welchen Anteil daran haben Manfred Krug und die Deutsche Telekom?

Immer wenn die Deutschen sich in den letzten Jahren aus der Deckung und an die Börse getraut haben, ging es bergab – aus den unterschiedlichsten Gründen. Als die Telekom Mitte der 90er Jahre mit ihrer ersten Tranche an die Börse ging, lag der Preis bei umgerechnet 14 Euro. Wer damals gekauft hat, hat ein sehr gutes Geschäft gemacht. Das Problem ist, dass man gierig geworden ist und zwei weitere Tranchen herausgegeben hat – zum bis zu vierfachen Preis des ersten Börsengangs. Dabei hatten sich weder Umsatz noch Gewinn oder Kundenanzahl des Unternehmens adäquat entwickelt.

Die New Economy-Blase …

Ja, wer damals blauäugig gekauft hat, ohne etwas von der Materie oder den Unternehmen zu verstehen, ist auf die Nase gefallen. Niemand sollte Aktien kaufen, um Aktien zu kaufen. Das haben damals leider viele getan.

Lässt sich die Goldgräberstimmung aus der Jahrtausendwende mit dem Kryptowährungen-Hype vergleichen?

Absolut. Wer ein Zockergen hat und unbedingt Glücksspiel machen möchte, soll gern auf solche Werte setzen. Aber das betrifft nicht die Masse der Menschen, die viel zu hart für ihr Geld arbeiten müssen. Ich habe Bitcoin und Co. nicht angefasst und habe von Anfang an gesagt, dass es sich dabei um die größte Blase seit der Amsterdamer
Tulpenblase im 17. Jahrhundert handelt.

Das Börsenjahr 2018 dürfte den Skeptikern nicht gerade Mut gemacht haben, oder?

Viele Menschen haben Angst vor fallenden Kursen, dabei sind sie in erster Linie eine Chance, tolle Unternehmen mit Rabatt einzukaufen. Im Moment ist noch gar nicht der richtige Zeitpunkt, um einzusteigen. Das könnte sich aber bald ändern und dann sollte man zugreifen. Nichts anderes tun wir doch beim Einkaufen. Wenn es eine gute Fotokamera im Angebot gibt, rennen alle hin. Aber, wenn die besten Unternehmen der Welt zum halben Preis zu haben sind, wird gejammert.

Kann man heute als Privatmann noch sinnvoll Geld jenseits der Börse anlegen?

Es gibt immer Möglichkeiten, zum Beispiel Immobilien oder Oldtimer. Man sollte dann aber eine gewisse Expertise besitzen – die Aktie und dahinter stehende Unternehmen sind einfacher zu beurteilen und bieten die Chance auf eine sehr ordentliche Rendite.

Hier dürften Sie Widerspruch ernten …

Die Entwicklung der Menschheit hängt seit eh und je mit Erfindungen und Unternehmen zusammen, welche diese in der Welt verbreiten. Das hat sich seit der Entdeckung des Feuers bis zu den Hightech-Firmen unserer Zeit nicht geändert. Aktien zu kaufen bedeutet nichts anderes, als sich am Erfolg von Erfindern zu beteiligen, die bewiesen haben, dass sie es können.

Auch wenn Sie bei Prognosen skeptisch sind, sagen Sie seit Jahren den nächsten großen Crash voraus …

Wir haben die Probleme von 2008 nie gelöst und China ist die größte Blase der Weltwirtschaftsgeschichte. Sie hat sich über die vergangenen 40 Jahre aufgebaut und steht mächtig unter Druck. Niemand kann Ihnen sagen, wann sie platzt – aber der Markt muss korrigieren. Daran führt kein Weg vorbei und durch die Globalisierung und die Abhängigkeit der westlichen Welt werden die Auswirkungen auch für uns heftig sein. Und bis jetzt sprechen wir nur über wirtschaftliche Zusammenhänge.

Was fehlt Ihnen?

Die USA sind seit Jahrzehnten die Weltmacht Nummer eins und tun alles, um diese Position zu erhalten. Wann immer ein Hegemon von einer aufstrebenden Macht herausgefordert wurde, kam es zwischen beiden zum Krieg. Das wollen wir natürlich auf jeden Fall vermeiden, also bleibt eine Lösung auf wirtschaftlicher Ebene.

Die USA könnten die Blase in China platzen lassen?

Zumindest können sie eine Entwicklung anstoßen, die das forciert. Die aktuellen Maßnahmen der US-amerikanischen Regierung deuten genau darauf hin, dass dies zeitnah geschehen wird.

Was bedeutet zeitnah?

Der Prozess hat bereits begonnen, er kann bis zu drei Jahre dauern. Und ehrlich gesagt kann einem Investor gar nicht besseres als ein Beben an den Märkten passieren. Eine Chance, so günstig einzusteigen, dürfte sich für die meisten Menschen maximal einmal im Leben ergeben.

Das klingt sehr kühl kalkuliert. Zur Wahrheit gehört auch, dass bei einem Crash viele Menschen viel Geld verlieren …

Ja, weil sie sich nicht darauf vorbereitet haben und die Zeichen falsch deuten.

Sind Sie eher Pessimist oder Optimist?

Als Mensch bin ich ein gnadenloser Optimist, aber an der Börse muss ich realistisch handeln. Sonst gibt es keinen Erfolg.

Brexit, Italien, China und die USA. Können Sie sich an eine Zeit zurückerinnern, in der Wirtschaft und Weltpolitik ähnlich eng verwoben waren?

Diese Phasen gab es immer wieder, ich würde eher freie Märkte als historische Besonderheit bezeichnen. Im kalten Krieg gab es eine solche Zeit, in der die Machtblöcke festgefahren waren und die Wirtschaft relativ frei agieren ließen. Das ist heute anders – entsprechend tiefgreifend sind die Manipulationsversuche. Eine Parallele zur gegenwärtigen Entwicklung könnte man im wirtschaftlichen Aufschwung Japans in den 80er Jahren sehen. Die zehn größten Banken der Welt saßen damals dort, der Automobilbau florierte und Unternehmen wie Sony schafften den Durchbruch.

War Japan das China des 20. Jahrhunderts?

Das könnte man so sagen. Als es den USA damals zu bunt wurde, hat man der Konkurrenz unlautere Handelsmethoden vorgeworfen, die Zölle erhöht und die eigenen Leitzinsen angehoben. Das ließ die Blase platzen. Ähnliche Zusammenhänge lassen sich gerade in China beobachten.

Bleibt der freie Markt eine Illusion?

Definitiv ja. Märkte waren immer von außen beeinflusst. Die Wirtschaft ist neben dem Militär das wohl mächtigste Instrument für Machtkämpfe zwischen den Staaten.

Gerade in den letzten Jahren sind Sie durch politische Äußerungen aufgefallen – würden Sie dies darauf schieben, dass sich Wirtschaft losgelöst von Politik nicht betrachten lässt?

Wer sich um die Börse kümmern will, muss sich auch mit Politik auseinandersetzen. Wenn ich Eon als Unternehmen bewerte, sollte ich wissen, dass eine Energiewende im Raum steht. Die politischen Fragestellungen interessieren mich aber auch abseits der Börse. Die Gesellschaft verändert sich nur von unten und ich möchte meinen Teil dazu beitragen.

Einige Medien werfen Ihnen vor, dabei mit Verschwörungstheorien zu hantieren …

Daran habe ich mich gewöhnt. Bisher hat niemand nachgewiesen, dass die von mir verwendeten Fakten oder Quellen falsch sind. Es bleiben also Behauptungen und das nehme ich als Genörgel zur Kenntnis.

Zumindest sind Sie relativ laut in Ihrer Wortwahl. „Deutschland soll abgeschafft werden“ oder „Lügengeflechte in der Politik“ heißen Videos in Ihrem YouTube-Kanal …

Wir haben heute so einen Lärm in der Welt, da kommt man im Flüsterton nicht mehr weit. Natürlich möchte ich die Menschen erreichen, aber ich versuche auch, es nicht zu übertreiben. Das ist immer ein Balanceakt, der mal besser und mal schlechter gelingt.

Wo würden Sie sich politisch einordnen?

Ich habe keine politische Ausrichtung und rede mit allen Menschen, solange sie gesprächsbereit sind. Mir ist wichtig, dass man seinem Gegenüber mit Respekt begegnet – ganz egal, aus welchem Land oder politischen Lager er kommt.

Was können die Besucher am 11. Mai bei Ihrem Auftritt in Braunschweig erwarten? Unterhaltung oder Information?

Sowohl als auch. Sie werden unglaublich viele Informationen mitnehmen, aber das wahrscheinlich gar nicht merken, weil alles sehr unterhaltsam aufgebaut ist.

Dirk Müller

Vom Sparer zum Aktionär

Samstag, 11. Mai 2019,
Stadthalle Braunschweig

Eintrittskarten gibt es an den bekannten Vorverkaufsstellen oder im Standort38-Lostopf. Schreiben Sie einfach eine Nachricht an redaktion@jhm-verlag.de und gewinnen Sie mit etwas Glück je zwei Karten.

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