5. September 2016
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Der Dritte Sektor im Aufwind (2/2)

269 Stiftungen und 6.483 Vereine beleben die Region

Sportlich & kulturell interessiert! Die Haupttätigkeitsfelder der Drittsektor-Organisationen in Deutschland. (Quelle: ZiviZ-Survey 2012, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Berlin 2013)

Die Deutschen gelten gemeinhin als „Vereinsmeier“. Und in der Tat ist statistisch gesehen jeder Bürger Mitglied in mindestens einem der mehr als 600.000 Vereine im Land. Europaweit liegt die Bundesrepublik damit allerdings nur im Mittelfeld. So zeigen sich etwa die Skandinavier und Niederländer noch engagierter. Die Bedeutung des Vereinslebens für den Dritten Sektor in Deutschland indes ist enorm: Mehr als 90 Prozent des ehrenamtlichen Engagements findet in diesem Umfeld statt. Dies gilt auch für die Region 38. Zwar ist die Informationslage insgesamt fragiler, „da Vereine sich bei Aufnahme der Tätigkeit registrieren, aber bei der Auflösung nicht abmelden müssen“, erklärt Marx.

Die vorhandenen Datenauszüge des gemeinsamen Registerportals der Länder erlauben nach Einschätzung des Sozialwissenschaftlers aber dennoch eine vorsichtige Einschätzung: „In Braunschweig kann man von ca. 1.800 Vereinen ausgehen, im Landkreis Goslar von rund 1.200 und im Landkreis Gifhorn von ca. 900.“ Zusammengenommen wären in den drei Städten und fünf Landkreisen der Region damit 6.483 Vereine aktiv. Bei der Vereinsdichte liegen Goslar und Braunschweig mit gut 78 bzw. 73 Vereinen pro 10.000 Einwohner vorn. Das größte freiwillige Engagement in der Bundesrepublik gilt dem Sport. Rund 25 Prozent der Non-Profit-Organisationen haben sich der Bewegung verschrieben, fast jede fünfte der Kultur und den Medien. Auf die Bereiche Bildung & Erziehung (14 %), Soziale Dienste (8 %) und Freizeit & Geselligkeit (8 %) entfallen ebenfalls  nennenswerte Anteile.

Der Dritte Sektor ist in Feierlaune. Gleichzeitig mehren sich mahnende Zwischentöne, die auf aktuelle Entwicklungen und zukünftige Herausforderungen hinweisen. So verlor der Stiftungsboom der vergangenen zwei Jahrzehnte zuletzt deutlich an Fahrt. Seit 2007 sind die Gründungszahlen rückläufig. Gleichzeitig ist die Konkurrenz für die einzelnen Stiftungen – wie für die übrigen Non-Profit-Organisationen – schon heute groß. Marx spricht vom „Wettbewerb um Spenden- und Sponsorengelder, Zustiftungen und öffentliche Mittel“, der die Folgen der anhaltenden Niedrigzinsphase für die Akteure weiter verschärfen dürfte und sieht die Gefahr, dass „Solidarität und Sinnstiftung durch ökonomische Sachzwänge überlagert oder gar verdrängt werden“. Im Titelinterview dieser Ausgabe macht Alexander Brochier klar, dass der Renditeengpass weniger das Heer der Stiftungen mit geringem Kapital trifft, die ohnehin immer schon vom Fundraising leben: „Schwieriger wird es für die großen Stiftungen, die bis her von den Erträgen leben konnten. Die werden sich umschauen müssen.“ 

Der Nürnberger Philanthrop weiter: „Ich könnte mir vorstellen, dass sehr viele von ihnen in Aufbrauchsstiftungen umgewandelt werden.“ Auch das Engagement der Vielen kennt Licht und Schatten: So steigt die Anzahl der Vereine zwar stetig, gleichzeitig sinken aber vor allem in den Städten die Mitgliederzahlen. Der durch Selbstoptimierung und Individualisierung geprägte Zeitgeist nagt ausgerechnet beim Nachwuchs an der Bereitschaft, sich in traditionellen Strukturen zu engagieren und erfordert viel Beweglichkeit von Vereinen und Verbänden. Insgesamt zeigen sich Engagierte und Verantwortliche trotzdem zuversichtlich. Im Interview spricht Sozialministerin Cornelia Rundt von einem „eindrucksvollen Gegenpol zum Ökonomisierungswahn“ und betont: „Der oft zitierte Satz, dass das Ehrenamt nicht reich macht, aber bereichert, hat nichts von seiner Richtigkeit verloren.“

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