1. September 2016
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„Eindrucksvoller Gegenpol zum Ökonomisierungswahn“ (2/3)

Cornelia Rundt, niedersächsische Ministerin für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, über das Ehrenamt als sozialen Kitt, die Herausforderungen des demographischen Wandels und das Glücksgefühl des Helfens

Sozialministerin Cornelia Rundt setzt auf das Ehrenamt als "sozialen Kitt". (Foto: Tom Figiel)


Gleichzeitig gibt es einen Mitgliederschwund bei traditionellen Vereinen, wie Freiwilligen Feuerwehren. Wird die Flexibilisierung und Individualisierung des bürgerlichen Einsatzes zur Herausforderung für die Infrastruktur – gerade in ländlichen Regionen?

Ja und nein, man kann das nicht so pauschal beantworten. Gerade junge Menschen sind oft zeitlich stark eingebunden durch Ausbildung oder Familiengründung. Zugleich zeigt sich, dass die Bereitschaft, sich etwa im Rahmen eines Sozialen Jahres oder des Bundesfreiwilligendienstes zu engagieren, unverändert hoch ist. Gerade junge Menschen denken aber – ob in Ausbildung oder Studium, im Beruf oder eben auch im Ehrenamt – heutzutage in zeitlich begrenzten Projekten und engagieren sich dann auch mit vollem Herzen für diese Tätigkeiten, um danach wieder neue Projekte zu beginnen.


Und die Vereine...?

Sie sind sicherlich gut beraten, wenn sie die besonderen Interessen gerade junger Menschen berücksichtigen. Mit dem Landesprogramm "Generation hoch 3" fördern wir z.B. als Land die Jugendarbeit. Kinder und Jugendliche können sich ausprobieren, Teamarbeit kennenlernen und diese Erfahrungen möglicherweise später in ein Ehrenamt einbringen. Aber es ist nicht Aufgabe der Politik, den Vereinen vorzuschreiben, wie sie sich zukünftig aufstellen sollen. Gerade in einem Flächenland wie Niedersachsen kann man hier keine Ratschläge "vom grünen Tisch" verordnen, weil die Strukturen vor Ort doch sehr unterschiedlich sind.


Wie stark werden die Vereine mit dem demographischen Wandel zu kämpfen haben?

Es ist überhaupt keine Frage, der demographische Wandel stellt uns in einem Flächenland wie Niedersachsen vor gravierende Herausforderungen und zwar in allen gesellschaftlichen Bereichen. Hier brauchen wir eine gemeinsame Strategie aller Akteurinnen und Akteure, also der Politik, der Kommunen und der Organisationen. Interessant ist, dass in letzter Zeit viele Bürgerinnen und Bürger spontan für Flüchtlinge engagiert sind, ohne dass sie an einen Verein gebunden sind. Wir werden uns mehr darauf einstellen müssen, auch diese ungebundenen Freiwilligen zu unterstützen.


Welche Instrumente stehen dem Land Niedersachsen zur Verfügung, um Engagement und Gemeinwohl- orientierung zu fördern?

Wir wollen nichts "von oben überstülpen", sondern das vorhandene Interesse fördern und unterstützen. Unser Freiwilligenserver (www.freiwilligenserver.de) informiert zum Beispiel über Möglichkeiten des Engagements. Die Freiwilligenakademie hält wohnortnahe Qualifizierungsangebote bereit. Um Selbsthilfepotentiale zu aktivieren und vorhandene Selbsthilfegruppen zu vernetzen, fördert das Land 31 Kontakt- und Informationsberatungsstellen für Selbsthilfegruppen. Freiwilligenagenturen beraten nicht nur kostenlos Bürgerinnen und Bürger, sondern sind auch Ansprechpartner für Vereine und Verbände, wenn es darum geht, Menschen für Engagement zu interessieren. Das sind nur einige Beispiele. Eine Ehrenamtskarte und ein Niedersachsenpreis für Bürgerengagement sind Ausdruck unserer besonderen Anerkennung und Unterstützung.


Wie bewerten Sie den Umgang der Niedersachsen mit Flucht und Migration in den letzten Monaten?

Zunächst einmal muss man feststellen, dass die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger positiv auf das Ankommen der Flüchtlinge reagiert hat. Ich war und bin überwältigt von der großen Hilfsbereitschaft. Dies zeigt sich auch bei dem großen Zuspruch für das Bündnis "Niedersachsen packt an". Erst vor wenigen Tagen hat die Bertelsmann-Stiftung eine Studie vorgelegt, wonach die hohe Zahl der Flüchtlinge zu einer Zunahme der freiwilligen Initiativen geführt hat. Das Bemerkenswerte ist, dass das Engagement nach wie vor sehr hoch ist, wie diese Studie aufzeigt – wir nehmen das nur leider gar nicht mehr ausreichend wahr.

 

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"Eindrucksvoller Gegenpol zum Ökonomisierungswahn" – Cornelia Rundt, niedersächsische Ministerin für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, über das Ehrenamt als sozialen Kitt, die Herausforderungen  des demographischen Wandels und das Glücksgefühl des Helfens (3/3)

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