Fußball ist auch ein Wirtschaftsunternehmen (2/2)

Martin Kind, Eigentümer und Geschäftsführer der Kind Gruppe mit weltweit 2.400 Mitarbeitern sowie Präsident des Sportvereins Hannover 96

Der aktuelle Kader von Hannover 96. (Foto: firo Sportphoto / Christopher Neundorf)


Kann man ohne potenten Investor zukünftig überhaupt noch erfolgreich international Fußball spielen?

Die Erschließung möglichst aller Einnahmequellen wird darüber entscheiden, wie erfolgreich man am Wettbewerb teilnehmen kann. Erfolgreiche Clubs werden sich daher auch leichter tun, für potente Investoren attraktiv zu sein. Ausnahme sind strategische Investoren wie Red Bull, der Volkswagen-Konzern oder die Bayer AG in Deutschland, die zur Förderung der strategischen Ziele des Konzerns in den Fußball investieren und langfristig natürlich auch dort sportlich erfolgreich sein wollen. Dieser Weg steht jedoch nur einer beschränkten Anzahl von Clubs offen. Im Ausland, insbesondere in England, sind diesbezüglich schon eine größere Anzahl von Clubs erfolgreich vorangeschritten. Die Top-Clubs in Spanien zeigen derzeit jedoch noch, dass es auch andere Modelle gibt, sportlich erfolgreich zu sein. Die diesbezügliche Entwicklung muss abgewartet werden.


Ende Juni hat die UEFA die Regelung des „Financial Fair Plays“ so verändert, das Klubs nun kurz- und mittelfristig, wieder so viel Geld ausgeben und so hohe Schulden aufhäufen können wie sie wollen. Welche Auswirkungen hat das auf die Bundesliga? 

In der Bundesliga wird schon seit vielen Jahren in einer Großzahl der Clubs vernünftig gewirtschaftet. Dies liegt unter anderem am nationalen Lizenzierungsverfahren, welches die Liquidität der Clubs schwerpunktmäßig in den Fokus nimmt. Ebenfalls wird auf die Eigenkapitalsituation der Clubs abgestellt. Die Regelungen des Financial Fair Plays sind somit im Wesentlichen für die Bundesliga in Bezug auf die Erfolgschancen der Clubs im internationalen Wettbewerb relevant.   


Im April dieses Jahres hat eine von Ihnen geführte Investorengruppe die letzten Anteile an der Profisparte von Hannover 96 übernommen. Im Jahr 2018 könnten Sie Mehrheitseigner werden. Können Sie die Kritik aus der Fanszene hieran nachvollziehen?

Die Übernahme der vollständigen Aktienanteile an der Hannover 96 GmbH & Co. KGaA durch die Gesellschafter von Hannover 96 war bereits langfristig geplant und bekannt. Bei den Gesellschaftern handelt es sich ausschließlich um Personen oder Firmen aus Hannover, deren Ziel es nicht ist, ein Investment zu tätigen, da dafür im Profifußball wie bereits erläutert die Renditechancen zu schlecht sind,  sondern den Sport in ihrer Heimatstadt zu fördern. Wir haben durch zwei unabhängige Wirtschaftsprüfungsgesellschaft die Bewertung  der noch zu veräußernden Anteile durchführen lassen. Beide lagen unter dem dann tatsächlich ausgehandelten Verkaufspreis. Ich persönlich habe an den Verhandlungen nicht teilgenommen. Die Bewertung war absolut professionell und korrekt. Die Kritik einiger Mitglieder war damit vollkommen unberechtigt und beruhte im Wesentlichen auf fehlenden Informationen.  Diese Informationen haben wir in einer gesonderten Veranstaltung den Mitgliedern noch einmal vermittelt. Wesentliche Aufgabe des Hannoverschen Sportvereins von 1896 e.V. ist es, den Breitensport in Hannover zu entwickeln. Auch hier haben wir das ehrgeizige Ziel, die Nummer eins in diesem Bereich in Hannover zu werden. Wir sind durch den erzielten Kaufpreis nun in der Lage, in eine dazu notwendige Infrastruktur zu investieren. Darauf bin ich stolz. Ebenso gibt der e.V. den Fans eine Heimat für ihre Liebe zu ihrem Club. Diesem werden wir durch diverse Leistungsangebote wie beispielsweise einem hauptamtlichen Archivar gerecht.


Wie anstrengend ist für Sie als Geschäftsführer der Spagat zwischen romantisch verklärter Tradition und notwendiger Kommerzialisierung?

Mit romantisch verklärter Tradition kann ich persönlich nicht viel anfangen, da es immer mein Bestreben ist, die Dinge für die Zukunft zu entwickeln. Das ist meine Verantwortung als Geschäftsführer gegenüber den Gesellschaftern, aber auch allen Mitgliedern und Fans von Hannover 96, die stolz darauf sein können, dass Hannover 96 bereits im 14. Jahr ununterbrochen in der Bundesliga spielt. Wir haben die HDI Arena zur WM 2006 gebaut. Wir investieren aktuell in ein wettbewerbsfähiges Nachwuchsleistungszentrum. Die Fertigstellung wird Mitte 2017 erfolgen. Um die Teilnahme an der Bundesliga auch weiterhin gewährleisten zu können, muss Hannover 96 in der Lage sein, alle möglichen Erlösquellen optimal auszunutzen und sich insgesamt als kommerzielles Unternehmen optimal aufzustellen.


Was wünschen Sie sich für die laufende Spielzeit?

Für die gerade erst begonnene Saison 2015/2016 wünsche ich mir einen ruhigeren Verlauf, als in der vergangenen Saison. Wir haben eine sehr junge Mannschaft zusammengestellt, die unseres Erachtens nach viel Potential hat. Mit Michael Frontzeck haben wir einen Trainer, der im letzten Jahr in einer sehr schwierigen Phase zu uns gekommen ist und in den letzten Spielen der Saison den Klassenerhalt gesichert hat. Erreichen werden wir das Ziel nur mit mannschaftlicher Geschlossenheit und ebenso guter Unterstützung vom Umfeld, wie zum Ende der letzten Saison. Gemeinsam sind wir der Meinung, eine gute Mannschaft aufbauen zu können, die uns in Zukunft noch Freude bereiten wird. Hierzu benötigen wir jedoch ein wenig Geduld.


Welche Visionen verfolgen Sie mit Hannover 96 für die Zukunft?

Meine Vision von Hannover 96 ist, die derzeitige Position in der Bundesliga weiter auszubauen und nach Möglichkeit an die in den letzten Jahren erzielten Erfolge im internationalen Fußball, die uns immerhin in der nationalen Rangliste aktuell auf Platz 5 der international erfolgreichsten Clubs der Bundesliga gebracht haben, anzuknüpfen. Nur durch internationale Erfolge wird es mittelfristig möglich sein, die nationale Position zu halten oder auszubauen. Weiterhin ist es meine Vision, die Erlösmöglichkeiten in allen Einnahmefeldern zu optimieren, beispielsweise eine nahezu volle Auslastung der HDI-Arena zu erreichen und in der Sponsorenvermarktung neue attraktive Partner hinzuzugewinnen. Um dies zu erreichen ist es notwendig, Hannover 96 zu einer nationalen Marke zu entwickeln.

Vereinsgründung: 12. April 1896

Titel: Deutscher Meister 1938 und 1954

sowie Pokal-Sieger 1992

Umsatz: 75 Mio. Euro (Quelle: SDI)

Marktwert des Kaders: 59,95 Mio. Euro (Quelle: Transfermarkt)

Spieler mit dem höchsten Marktwert: Ron-Robert Zieler (Torwart): 8,00 Mio.

Euro (Quelle: Transfermarkt)

Kapazität des Stadions: 49.000

Trainer: Michael Frontzeck

Manager: – derzeit vakant –

Unternehmensform: Hannover 96 GmbH & Co. KGaA

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