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29. Juni 2016
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„Unser Land braucht flexiblere lebensphasenorientiertere Arbeitsmodelle“ (2/4)

Personalvorstand Christiane Hesse über die Anziehungskraft der Volkswagen Financial Services AG, Ethik im Management und eine Generation, die nach Feedback verlangt, aber Lob sucht

Christiane Hesse gibt sich zukunftsorientiert: "Ich persönlich finde Wandel prima." (Foto: Holger Iserman)


Viele Mittelständler in der Region haben es beim Recruiting nach eigener Auskunft schwer, weil große Arbeitgeber wie Volkswagen Financial Services oder auch die Konzernmutter attraktivere Angebote machen können. Gibt es auch für Sie Mitbewerber, mit denen Sie um Fach- und Führungskräfte ringen müssen?

Natürlich, insbesondere, was Kompetenzen im Bereich IT angeht. Mitarbeiter mit diesen Fachkenntnissen werden in allen Bereichen gesucht. Nicht nur bei Banken, sondern auch bei Großhandelsketten, Automobilbauern oder Stahlherstellern. Nun ist Braunschweig bekanntermaßen nicht unbedingt das Mekka der IT. Insofern konkurrieren wir mit anderen Unternehmen sowohl aus der Region als auch aus anderen Städten. Da muss man sich ziemlich lang machen.


In welchen anderen Bereichen ist der Fachkräftemangel noch ein Thema für Sie?

Bei den Spezialisten, insbesondere für das Risikomanagement. Nach der Bankenkrise sind die regulatorischen Anforderungen bei Banken und Versicherungen angestiegen. Alle suchen deshalb händeringend Menschen, die sich auf diesen Spezialgebieten auskennen.


Das Magazin Neon fragt in seiner aktuellen Ausgabe „Ist Arbeit verlorene Zeit?“ – was antworten Sie?

Diese Frage stellt sich die Menschheit schon ziemlich lange. Ist es die Bürde des Abendlandes oder ist Arbeit auch Erfüllung? Für mich ist Arbeit Erfüllung. Ich schätze es, mit anderen Menschen zusammenzukommen, Herausforderungen zu bewältigen, Anerkennung zu bekommen. Nun mag es auch Berufe geben, die sich diejenigen, die sie ausüben, nicht unbedingt erträumt haben. Dann ist Arbeit wahrscheinlich eher eine Bürde.


Die Arbeit am Band, auch bei VW, wird häufig in diesem Zusammenhang genannt…

So äußern sich in der Regel Menschen, die am Schreibtisch sitzen und sich nicht vorstellen können, wie es ist, in einer Fabrik zu arbeiten. Auch das ist eine sehr herausfordernde Arbeit und durch Teamarbeit auch nicht monoton. Wenn die Menschen in Rente gehen, hört man sie häufig erzählen, was für eine schöne Zeit sie hatten, wie sie der Zusammenhalt geprägt hat und warum sie gerne zur Schicht gegangen sind.


Glauben Sie an die Existenz der Generation Y und wenn ja, vor welche Herausforderungen stellt diese Arbeitgeber?

Ich glaube an ihre Existenz, weil ich sie persönlich erlebt habe. Wenn Sie mich danach fragen, welche Auswirkungen dies für Unternehmen hat, dann finde ich, dass bei der Debatte immer eine Seite zu kurz kommt. Es wird so getan, als müssten sich die Unternehmen komplett umstellen, weil eine neue Sorte Mensch auf den Arbeitsmarkt strömt. Dabei wird häufig vergessen, dass Unternehmensstrukturen und -kulturen auch den Menschen prägen.


Sehen Sie eine Chance – oder eher eine Herausforderung?

Beides. Einerseits ist es schön, dass Leute mit einem frischen Blick kommen, das finde ich sowieso immer gut. Wir ermutigen Kollegen immer zum Nachfragen und idealerweise gibt der Vorgesetzte keine billige Antwort à la „Das war schon immer so“, sondern lässt sich auf Diskussionen ein. Problematisch könnte werden, dass die Generation sehr nach Feedback verlangt, aber oftmals eigentlich Lob sucht.


Sie vermissen Kritikfähigkeit?

Mit Kritik kann die Generation nicht so gut umgehen. Wenn man ihnen sagt: „Du hast deine Stärken, an der ein oder anderen Stelle sehe ich allerdings noch Entwicklungsfelder“, dann lassen sie die Ohren hängen. Ich vermute, der Ursprung liegt auch in der Erziehung, weil Eltern versuchen, Kompetenzen in ihre Kinder hineinzuloben. Dann kommen sie ins Unternehmen und können schwer damit umgehen, dass es so nicht weitergeht. In Amerika ist das noch stärker ausgeprägt.


Wie viel Hierarchie braucht es, um ein Unternehmen Ihrer Größe effizient zu organisieren?

Wir im Hause haben drei Hierarchieebenen, das finde ich eher schlank. Wenn es um die Frage geht, wer Verantwortung übernimmt, sind einige Leute, die vorher für eine flache Struktur waren, ausgesprochen schnell verschwunden Nichtsdestotrotz muss man in der Hinsicht in Deutschland experimentierfreudiger werden. Ich habe gerade mit meinen Mitarbeitern darüber geredet, ob wir uns so etwas wie eine Vorgesetztenwahl zutrauen würden…


…und?

Es wäre schön, das mal ausprobieren zu können. Vielleicht kommt am Ende dieselbe Führungsmannschaft heraus, vielleicht eine ganz andere. In einem Großunternehmen gibt es allerdings ausgesprochen viele Regeln und auch Absprachen mit der Arbeitnehmervertretung. Das macht es mit der Experimentierfreudigkeit schwieriger. Ich würde mir wünschen, dass die neue Generation mehr Mut zum Ausprobieren mitbringt…


…und die Arbeitswelt verändert?

Ich weiß gar nicht, ob uns wirklich die Mitarbeiter so sehr verändern oder nicht vielmehr die Technologien. Da ist zum Beispiel der Kunde, der alles online erledigen möchte. Dadurch müssen wir uns als Unternehmen verändern. Das erwarte ich sowohl von jemandem, der schon 20 Jahre im Unternehmen ist, als auch von jemandem, der erst einen Monat da ist. Ich persönlich finde Wandel prima. Nichts ist schrecklicher, als 20 Jahre auf derselben Teppichfliese zu sitzen und immer die gleichen Aufgaben machen zu müssen.

 

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