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29. Juni 2016
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„Unser Land braucht flexiblere lebensphasenorientiertere Arbeitsmodelle“ (3/4)

Personalvorstand Christiane Hesse über die Anziehungskraft der Volkswagen Financial Services AG, Ethik im Management und eine Generation, die nach Feedback verlangt, aber Lob sucht

Allein 5.500 Angestellte arbeiten in der VWFS-Zentrale an der Gifhorner Straße in Braunschweig. (Foto: Streiff)


Wie viel Work darf es für eine gute Work-Life-Balance sein?

Das hängt von der Lebensphase ab, in der man sich befindet. Insofern mag ich den Begriff der lebensphasenorientierten Personalpolitik. Wenn jemand gerade Vater oder Mutter geworden ist, möchte er oder sie logischerweise schnell nach Hause zum Partner und zum Kind. Auch wenn man im Alter vielleicht ein Elternteil zu pflegen hat, kann sich der Fokus verschieben. Es gibt aber auch Phasen im Leben, in denen man beruflich richtig Gas geben möchte und auch kann – meistens nach dem Studium oder wenn die Kinder schon älter sind Wir sollten am Arbeitszeitenregime rütteln. Unser Land braucht wesentlich flexiblere lebensphasenorientiertere Modelle.


An dieser Stelle dürften die Arbeitnehmervertreter hellhörig werden...

Flexibilisierung heißt nicht Ausdehnung: Es geht um die Möglichkeit, in jungen Jahren mal ein halbes Jahr 45 Stunden in der Woche zu arbeiten, um dann im Gegenzug an anderer Stelle kürzer zu treten. Oder auch im Rahmen einer Weiterbildung nur vier Tage die Woche ins Büro zu kommen und am fünften Tag Neues zu lernen. Das ist für mich Work-Life-Balance und eben nicht, dafür zu sorgen, dass alles gleich gemacht wird.


Der Mathematiker und Autor Prof. Dr. Gunter Dueck hat im Standort38-Interview gesagt, dass eine hohe Arbeitsbelastung Innovation verhindert: "Aktionistische können gar nicht ohne Herzrasen zuschauen, wenn jemand ruhig nachdenkt, also einfach Cash verbrennt und das Ergebnis versaut". Wie viel Leerlauf ist in Ihrem Unternehmen erlaubt?

Es ist in der Tat ein Trugschluss zu glauben, dass man Menschen – die nicht an Stückzahlen gemessen werden – zu 100 Prozent auslasten kann. Sie bezahlen Ihre Angestellten schließlich auch nicht, wenn sie auf dem Weg zur Arbeit oder unter der Dusche eine kluge Idee haben. Ich rauche selbst und ich habe auch nichts dagegen, wenn man bei der Gestaltung des eigenen Arbeitstages auch "mal Fünfe grade" sein lässt – solange es sich mit den Phasen, in denen man dann auch Gas gibt, die Waage hält.


Klingt nach einem positiven Menschenbild...

Ja, das ist im Grunde die Urfrage für uns Personaler. Sie müssen ein völlig anderes Personalkonzept haben, wenn Sie davon ausgehen, dass der Mensch nur seinen eigenen Vorteil sucht. Wenn Sie an das Gute im Menschen glauben, geben Sie ihm Freiraum und versuchen, die Bedingungen so zu schaffen, dass er von sich aus motiviert ist. Meine Auffassung ist, dass sich in einem guten Arbeitsklima – in dem ich Menschen fair behandele, sie fördere und fordere – auch Leistung entfaltet.


Kennen Sie Personaler-Kollegen, die noch an die Peitsche glauben?

Ohne Namen nennen zu wollen – früher gab es Menschen, die sagten: "Entlassen wir mal drei Mitarbeiter, damit die anderen merken, wo der Hammer hängt." Diese Einstellung habe ich aber in den vergangenen 15 Jahren kaumnoch gehört. Das ist die alte Garde. Man sagt ja gern, dass jeder Trend nochmal wieder kommt. Dieser hoffentlich nicht.


Haben Ihre Mitarbeiter genug Freiheit?

Wir nehmen immer wieder an Arbeitgeberwettbewerben teil, etwa bei "Great Place to Work". In den Kommentaren der Mitarbeiter wird sehr stark herausgestellt, dass sie froh sind, in einem Unternehmen zu arbeiten, das nicht nur gut bezahlt und entsprechende Sozialleistungen hat, sondern sich auch durch ein gutes Arbeitsklima auszeichnet.


Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen?

Wer freut sich nicht über einen ersten Preis? Zumal, wenn man ihn dreimal hintereinander gewinnt. Nachhaltig ein gutes Arbeitsklima zu schaffen, bedeutet schon eine Anstrengung. Es kostet Kraft, diese Themen neben den Vertriebs-  und finanziellen Zielen auf der Agenda im Unternehmen zu halten.


Der Abgas-Skandal verdeutlicht die Bedeutung von Ethik im Management – ist dieser Aspekt unterschätzt worden?

Bei uns ist Ethik seit 2009 ein großes Thema. Wir haben unter Herrn Witter unsere Strategie "Wir2018" entwickelt und sind schon sehr stolz darauf, dass

wir von diesem Zeitpunkt an nicht nur definiert haben, was wir erreichen wollen – sondern auch wie. Die Unternehmens- und Führungswerte haben wir mit unserer Belegschaft diskutiert und verabschiedet. Das ist natürlich erst mal nichts Außergewöhnliches, sondern in den meisten Unternehmen verbreitet. Da stehen dann auf Plakaten Werte und das war´s dann auch schon.


Was haben Sie besser gemacht?

Sie werden bei uns kaum Plakate mit Werten finden. Wichtig ist, dass die Grundsätze in die Personalinstrumente eingehen. Natürlich muss das Ganze erst einmal bekannt gemacht werden. Meine Erfahrung aber ist, dass viele Unternehmen nach diesem einen Schritt oft denken, dass sie fertig sind. Wir glauben dagegen, dass die Arbeit dann erst anfängt. Da habe ich großes Glück mit meinen Vorstandskollegen, die das Thema alle wichtig finden und ganzheitlich denken. Das ist als Dienstleistungsunternehmen, in dem sie direkten Kundenkontakt haben, auch notwendig.


Inwiefern?

Ich glaube nicht, dass man den Kunden zufrieden stellen kann, wenn im Unternehmen kein gutes Klima herrscht. Insofern benötigt man eine positive Unternehmens- und Führungskultur. Ich würde sagen, das ist uns ganz gut gelungen. Dennoch  sind wir damit nie fertig – im Rahmen der Dieselthematik haben wir es nochmal aufgegriffen. Haben uns gefragt: Gibt es etwas, das wir bei uns verändern müssen? Könnte so etwas bei uns auch passieren?


Und...könnte es?

Wir haben für uns schon 2009 den Wert Mut definiert. Das bedeutet, dass unsere Mitarbeiter sich nicht verstecken sollen, wenn der Wind mal von vorne kommt. Oder, dass man nicht nur bei schönem Wetter kreativ ist und auch seine Meinung vertritt. Es gibt auch vereinzelte Stimmen im Hause, die sagen: "Lasst die Personaler ruhig reden. Wenn man sonst nichts zu tun hat, kann man sich mit der Kultur beschäftigen." Aber auch der Letzte wird nun hoffentlich aufgrund der Dieselthematik begriffen haben, wie wichtig das Thema ist.

 

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"Unser Land braucht flexiblere lebensphasenorientiertere Arbeitsmodelle" – Personalvorstand Christiane Hesse über die Anziehungskraft der Volkswagen Financial Services AG, Ethik im Management und eine Generation, die nach Feedback verlangt, aber Lob sucht (4/4)

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