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29. Juni 2016
uncategorized

„Unser Land braucht flexiblere lebensphasenorientiertere Arbeitsmodelle“ (4/4)

Personalvorstand Christiane Hesse über die Anziehungskraft der Volkswagen Financial Services AG, Ethik im Management und eine Generation, die nach Feedback verlangt, aber Lob sucht

Fast futuristisch wirkt das in Weiß gehaltene Vorstandsbüro. Farblich sticht vor allem das Warhol-Portrait von Marilyn Monroe über dem Schreibtisch hervor. (Foto: Holger Isermann)


Haltung ist bei Ihnen also kein Karrierehindernis?

Haltung ist bei uns ausdrücklich erwünscht. Ich würde aber nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass nicht auch bei uns Leute von ihrem Chef abgebürstet werden, wenn sie widerspenstig sind. Grundsätzlich muss man sagen, dass man bei Volkswagen eigentlich kein Held sein muss, um Kritik zu äußern. Wir haben einen sehr starken Betriebsrat, eine Compliance-Organisation, ein Ombudsmann-System und Vertrauensleute der IG Metall, an die man sich wenden kann.


Wie durchleuchten Sie Ihre Bewerber?

Erst einmal erhalten wir eine normale Bewerbung in digitaler Form samt Lebenslauf. Dann telefonieren wir, um ein erstes Gespräch mit den Bewerbern zu führen und abzuklopfen, ob man zueinander passt. Danach folgt für jeden Mitarbeiter – egal ob Tarifmitarbeiter oder obere Führungskraft – ein Einstell-Assessment. Das besteht unter anderem aus einem Interview: Wir schauen ob die fachlichen Qualifikationen passen, ob er geeignet ist. Das andere ist der Check von Analysefähigkeiten und sozialen Kompetenzen.


Scannen Sie auch die Profile in sozialen Medien?

Nicht systematisch. Der persönliche Eindruck ist entscheidend. Der ist durch nichts zu ersetzen. Weder durch Facebook-Profile, noch durch klassische Bewerbungsunterlagen.


Was sind die Stolpersteine bei einer Bewerbung?

Fachkenntnisse sind die Grundlage von allem. Ein Bewerber muss aber auch zu uns passen. Jemand, der vielleicht in einem Start-Up arbeitet und den ganzen Tag etwas erfinden will, ist bei einem Unternehmen wie unserem, das sehr stark reguliert ist, nicht an allen Stellen gut aufgehoben. Genauso wenig passen Einzelgänger in unser Unternehmen, oder Menschen, die viel Wissen haben, es allerdings nicht vermitteln können oder wollen. Wir brauchen Teamplayer und sind überzeugt davon, dass nur in der Zusammenarbeit gute Ergebnisse entstehen.


Welchen Stellenwert hat das Gehalt für die Zufriedenheit?

Ich glaube, es ist weniger die Höhe des Gehaltes, als die Fairness im Vergleich mit anderen Mitarbeitern. Wenn ich gute Leistungen zeige, möchte ich nicht weniger bekommen als mein Kollege nebenan. Deshalb muss man bei der Vergütung Wert darauf legen, dass es gerecht zugeht. Es ist kein Geheimnis, dass Volkswagen besser als andere bezahlt und deshalb viele Menschen zu uns kommen. Sie dann dauerhaft glücklich zu machen, ist eine viel größere Herausforderung. Bei den Nachbarn oder in der Kneipe schneidet das Unternehmen möglicherweise besser ab, als auf den Fluren hier bei uns (lacht).


Sind Ihre Mitarbeiter besonders anspruchsvoll?

Durchaus. Nehmen wir mal unseren „Frech Daxe“-Betriebskindergarten. Wir wussten von Anfang an: Wenn wir so einen Kindergarten gründen und aufbauen, dann kann das nicht der normal geforderte Standard sein. Insofern haben wir die Latte deutlich höher gelegt. Wir sagen aber auch: Dafür, dass wir besser als andere bezahlen und mehr bieten, darfst du auch mal einen Schritt schneller gehen. Wir erwarten auch mehr.


Was haben Sie für einen Karrierebegriff?

Klassischerweise wird als Karriere ein vertikaler Aufstieg bezeichnet. Davon muss man sich ein Stück weit verabschieden. Wenn sich jemand horizontal entwickelt, im Unternehmen unterschiedliche Aufgaben übernehmen kann, im Vertrieb war und vielleicht in das Personalwesen kommt – dort Trainings übernimmt – dann ist das doch klasse. Er hat unterschiedliche Erfahrungen gemacht, verschiedene Kompetenzen gesammelt. Auch Projektleiter zu werden, ist eine Form von Karriere, wird klassischerweise aber nicht als solche bezeichnet. Das finde ich nicht richtig.


Welchen Ruf hat die Region als Lebensmittelpunkt für Arbeitnehmer und wie hat sich dieser über die Jahre verändert?

Wir haben viele Bewerber, die aus dem Süden oder auch Norden kommen und bisher nur die Autobahnabfahrt kennen. Wenn sie dann erst einmal hier sind, sind sie häufig begeistert. Die Stadt hat wirklich viel zu bieten. Das Einzige, was ihr in meinen Augen noch gut tun würde, wäre etwas mehr Flair.


Wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit der Allianz für die Region und anderer regionaler Akteure?

Es ist eine schwere Aufgabe, alle Akteure mit ihren unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichen Aufträgen unter einen Hut zu bekommen. Wir können uns noch an Zeiten erinnern, in denen sich die Bürgermeister in den Zeitungen Schlachten geliefert haben. Das ist besser geworden. Nichtsdestotrotz geht es mir persönlich zu langsam voran.


Sie sind eine von wenigen Frauen in der Männerdomäne Vorstand. Macht es das für Sie schwerer?

Nein. Ich würde es natürlich begrüßen, wenn mehr Frauen in Führungspositionen wären. Das ist gar keine Frage – und das nicht nur, weil es sich der Gesetzgeber auf die Fahne geschrieben hat. Ich fand es immer angenehmer, in diversen Teams zu arbeiten, aber ich bin bei Volkswagen als Frau unter Männern groß geworden und kann mich schon ganz gut behaupten.


Ist es an der Zeit, dass aus der Gender- eine Diversity-Debatte wird?

Natürlich ist das Thema wichtig, aber ich beschäftige mich seit 25 Jahren mit der Frage von Frauen in Führungspositionen. Wir sind seitdem in Deutschland leider nur in homöopathischen Dosen vorangekommen. Manchmal habe ich den Eindruck, man will davon ablenken, indem man jetzt das noch viel größere Fass Diversity aufmacht. Nichtsdestotrotz ist Diversity – insbesondere in internationalen Unternehmen – wichtig!


Was sind Ihrer Meinung nach die größten Hindernisse auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit?

Es ist vor allem ein westdeutsches Mittelstandsproblem und hängt stark am gesellschaftlich vorherrschenden Rollenbild. In Russland haben wir 60 Prozent aller Führungspositionen mit Frauen besetzt. Dort halten die Frauen klassischerweise das Geld zusammen, die Männer geben es, um dem Klischee zu entsprechen, eher aus. Auch in Mexiko haben wir einen hohen Frauenanteil in Führungspositionen, etwa 30 Prozent. Zwischen den Ländern gibt es große kulturelle Unterschiede.


Sehen Sie eine gläserne Decke?

Nein. Meine Kollegen sind keine Schauspieler, die sich verstellen. Sie bemühen sich schon, Frauen zu sehen, die etwas können und das Zeug zu mehr haben. Aber das gesellschaftliche Rollenverständnis verhindert schon eine ganze Menge. Sonst ließe sich kaum erklären, warum wir in einem und demselben Unternehmen in Mexiko oder Russland ganz andere Frauenanteile in Führungspositionen haben als hier.


Sie haben Germanistik und Politologie studiert und zunächst als Lehrerin gearbeitet. Heute sitzen Sie als Vorstand in einem Finanzunternehmen und sind damit ein lebendes Beispiel dafür, dass nicht nur der direkte Karriereweg zum Erfolg führt. Hand aufs Herz, welche Chance haben Quereinsteiger bei Ihnen?

Es war eine Zeitlang das Nonplusultra, wenn man angeblich schon in der Grundschule wusste, dass man Informatiker oder Maschinenbauer werden wollte. Erstens glaubt das sowieso niemand, so schön man es im Lebenslauf auch aufbereiten mag. Und zweitens bin ich sicher, dass es Menschen stärker macht, wenn sie Umwege gegangen oder vielleicht auf die Nase gefallen sind. Wichtig ist, dass man wieder auf die Füße kommt, weitermacht und nach vorne schaut. Das sind Qualitäten, die wir im Unternehmen gut gebrauchen können.


Was zeichnet eine gute Lehrerin aus?

Einerseits geht es darum, jeden Schüler ernst zu nehmen – in seinen Eigenheiten zu respektieren. Andererseits, dass man neben der fachlichen Ausbildung Orientierung gibt und Grenzen setzt. Das kommt heute an der einen oder anderen Stelle zu kurz und hängt wohl auch damit zusammen, dass die Eltern sich verändert haben…


Was hat Ihnen in der Schule gefehlt?

Ich bin ein Teamplayer, an der Schule herrscht aber eher Einzelkämpfertum. Das bringt die Struktur mit sich – also die Tatsache, dass jeder Lehrer alleine vor den Schülern steht und seinen Unterricht macht. Ich hätte mir gewünscht, dass es innerhalb der Lehrerschaft mehr Diskussionen und die Möglichkeit gibt, stärker in den fachlichen Austausch zu gehen. Das habe ich so nicht erlebt.


Waren Sie eine strenge Lehrerin?

Ich glaube schon. Verständnisvoll, aber auch streng. Die Schüler wussten bei mir schon, an wem sie waren…


Ist das „Umsatteln“ schwer gefallen?

Überhaupt nicht. Es war schließlich mein Wunsch.


Was tun Sie, wenn Sie nicht arbeiten?

Als erstes kümmere ich mich um die Familie. Meine Mutter ist 88 Jahre und lebt seit zwei Jahren bei uns, weil sie Unterstützung braucht. Wir haben eine Tochter und werden in Kürze Großeltern, darauf freuen wir uns schon. Ansonsten koche ich sehr gerne mit meinem Mann. Wir laden uns zum Beispiel Freunde nach Hause ein, kochen, schauen Sportschau und genießen ein Glas Wein. Außerdem machen wir gerne Fahrradtouren und reisen. Und ich lese nach wie vor viel – das ist sicherlich von meinem Germanistikstudium hängen geblieben.

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