1. September 2016
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Von Aristoteles bis zur Witwenkasse (2/2)

Im Zeitraffer durch zwei Jahrtausende (regionales) Stiftungswesen

Der Industrielle Max Jüdel hat sich als besonderer Wohltäter hervorgetan. (Foto: Stadtarchiv Braunschweig)

Aus dem während der Reformation verweltlichten Kirchenvermögen errichtet er 1569 den Braunschweigischen Klosterfonds, auf den die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz zurückgeht. Auch auf anderen Feldern hat der adlige Reformer Spuren hinterlassen: 1572 gründet Julius in Wolfenbüttel den Vorgänger der Herzog-August-Bibliothek. Die spätere Wirkungsstätte von Gottfried Wilhelm Leibniz und Gotthold Ephraim Lessing gilt im 17. Jahrhundert als größte Bibliothek nördlich der Alpen und wird sogar als achtes Weltwunder gefeiert. Vier Jahre später folgt der nächste Bildungsstreich in der Region: die Academia Julia in Helmstedt. Sie wächst in den nächsten 50 Jahren zur drittgrößten Universität des deutschen Sprachraums.

Für das Stiftungswesen entwickelt sich der Bildungsaufschwung in ganz Europa allerdings zur Zäsur. Denn der Summe des individuellen Strebens setzen aufklärerische Vordenker den so genannten volonté générale entgegen. Für private Stifter und ihre persönlich motivierte Wohltätigkeit ist vor dem Hintergrund dieses Gemeinwillens kaum Platz. Spätestens die fortschreitende Säkularisierung Anfang des 19. Jahrhunderts löst ein regelrechtes Stiftungssterben aus. Hans Liermann nennt die Aufklärung in seinem Werk „Geschichte des Stiftungsrechts“ von 1963 „die dem Stiftungswesen feindlichste Epoche in der gesamten Geschichte des Stiftungsrechts“. Durch verschiedene Revisionen und immer mehr Engagement des Bürgertums nimmt die Stiftungstätigkeit aber bald wieder zu und erlebt eine Blütezeit. Nach Schätzungen soll es damals allein in Deutschland mehr als 100.000 Stiftungen gegeben haben. Verantwortlich dafür ist unter anderem der zunehmende Reichtum der Unternehmer durch die Industriealisierung.

Besonders wohltätig zeigt sich hier in der Region beispielsweise der jüdische Kaufmann Max Jüdel. Nach Übernahme des elterlichen Textilgeschäfts gründet er später zusammen mit Heinrich Büssing die „Eisenbahnsignal-Bauanstalt Max Jüdel & Co“, die sich zu einem europäisch führenden Hersteller für Schienentechnik entwickelt. Jüdel spendet nicht nur große Teile seines Vermögens, sondern richtet auch mehrere Stiftungen für in Not geratene Arbeiter ein – beispielsweise eine „Unterstützungskasse für ärztliche Behandlung und Beschaffung von Arzneien“ und eine „Arbeiterpensions- und Witwenkasse“. Außerdem gründet er die Braunschweiger Baugenossenschaft und den Vorgänger des heutigen Herzogin-Elisabeth-Hospitals. Den wohltätigen Höhepunkt hebt sich der Mäzen für das Ende seines Lebens auf. Er vermacht sein Erbe als Grundstock für die „Max-Jüdel-Stiftung“ der Stadt Braunschweig und gibt ihr den Auftrag, soziale Zwecke zu verfolgen. Sie soll allerdings nicht lange seinen Namen tragen, denn die Nationalsozialisten benennen Jüdels soziales Vermächtnis während ihrer Herrschaft in „Allgemeine Städtische Stiftung“ um. Nach der Machtergreifung versucht die NSDAP sich im gesamten Land vieler Stiftungen zu bemächtigen und setzt die verfassungsrechtliche Garantie des Stiftungseigentums praktisch außer Kraft. Mitte des 20. Jahrhunderts bessert sich das Stiftungsklima in Deutschland wieder. Nach Inflation, zwei Weltkriegen, Nazidiktatur und Währungsreform folgen politisch und wirtschaftlich ruhigere Zeiten, die einen weiteren Stiftungsboom in der Region auslösen.

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