„Wir müssen Dinge wieder selber in die Hand nehmen“ (2/3)

Tobias Henkel, Direktor der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, über die Verantwortung des Einzelnen und der Gesellschaft, die Herausforderungen für den Staat und die Ablehnung von Unterstützung

Mahnender Blick: Portrait von Herzog Julius von Braunschweig-Lüneburg im Arbeitszimmer von Tobias Henkel. (Foto: Holger Isermann)


Und wenn Sie jetzt in die Stiftungslandschaft, aber auch in die regionalen Non-Profit-Organisationen schauen, wie bewerten Sie diese Aktivität und das Engagement?

Wir sind eine Region reich an zivilgesellschaftlichem Engagement. Diese Region ist sich bewusst, dass das Gemeinwohl nur durch eigenes Tun wachsen kann. Und deswegen haben wir hier in der Region eine vielfältige Stiftungslandschaft mit deutlich mehr als 400 Stiftungen, viele Vereine mit zivilgesellschaftlich Engagierten und eine starke Landschaft bei den Kirchen, sowohl bei der evangelischen als auch bei der katholischen Kirche. Genauso gibt es zahlreiche Verbindungen zu jüdischen Gemeinden sowie zu den islamischen Kulturverbänden. Das sind alles die Dinge, die belegen, dass wir im Braunschweiger Land eine breite Basis für dieses Zivilgesellschaftliche haben.


Worin liegen aktuell die größten Herausforderungen für die regionalen Stiftungen?

Eine Herausforderung ist mit Sicherheit die niedrige Zinssituation. Ich habe das Vergnügen, für eine Stiftung arbeiten zu dürfen, die das gar nicht betrifft. Vor 447 Jahre hat der alte Herzog Julius gesagt, dass das wirtschaftliche Tun eines sei, wo man immer aufpassen muss, denn was man ausgibt, muss man vorher erst mal einnehmen. Also ist die Vermögensbewirtschaftung etwas ganz Wesentliches bei Stiftungen. Wer nur über Liquidität verfügt, wer nur Aktien und Wertpapiere hat, der hat im Jahr 2016 ein Problem, wenn auch kein unüberwindliches Problem, denn mit einer adäquaten Anlage, die gibt es natürlich, wird man immer noch einen Betrag erwirtschaften können, der nicht nur das eigene Überleben als Institution möglich macht, sondern der auch das Erfüllen der Förderzwecke im Auge hat. Für uns als Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz mit über 90 Prozent Immobilienvermögen, 9.000 Hektar Ackerfläche und etwa 5.400 Hektar Wald, woraus ein jährlicher Betrag kommt, der so zwischen acht und zwölf Millionen Euro liegt, welchen wir hier in der Region einsetzen, stellt die Niedrigzinsphase gar kein Problem dar. Aber es wäre zynisch zu behaupten, dass es anderen genauso ginge – im Gegenteil, die leiden darunter sicherlich am meisten.


Welche Hinweise und Ratschläge haben Sie für kleine regionale Non-Profit-Organisationen?

Eindeutig Vernetzung. Vernetzung zur Know-how-Entwicklung, um die Alltagsarbeit besser zu machen, aber auch vor allem, um worst practices zu teilen. Nicht immer nur die best practices, nicht immer nur das, was am Ende bei allen völlig klar ist, weil man gerne die Erfolgsgeschichten erzählt, sondern das, wo man mal versagt hat, das, wo man mal danebengegriffen hat. Und das sind die Dinge, bei denen man sich schwer tut. Der Austausch mit anderen ist genau das, wo der Mehrwert entsteht.


Das heißt, wir sprechen heute mit einem sehr glücklichen Stiftungsvertreter?

Es fiele mir sehr schwer, auf diesem hohen Niveau zu klagen. Aber das Zynische daran ist natürlich, dass diese klugen, weisen Entscheidungen des Herzogs aus der Vergangenheit bei vielen vielleicht erst anstehen oder jetzt erst ihre Wirkung entfalten. Wenn man sieht, wie wichtig ein diversifiziertes Portfolio der Vermögensbewirtschaftung ist, dann muss man klar sagen, einige Stiftungen gehen in diese Richtung. Wir sind schon in diese Richtung gegangen und können deswegen auch ein Stück weit Vorbild sein. Dass andere so aufgestellt werden wie wir, ist äußerst unwahrscheinlich. Es kann auch gar nicht sein, dass alle sich mit über neunzig Prozent in Immobilien bewegen. Das ist vielleicht auch gar nicht vernünftig. Bei uns schon. Bin ich glücklich? Ja.

 

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