„Der Anfang vom Ende hat begonnen“

Vor fünf Jahren hat die Volksbank BraWo die Braunschweiger Privatbank gegründet. Zusammen mit DZ-Bank Chefvolkswirt Stefan Bielmeier und Bankleiter Sascha Köckeritz blicken wir zurück und vor allem nach vorn: Was wird aus dem Euro? Wie entwickeln sich die Zinsen? Und was bedeutet das alles für die Unternehmer aus der Region?

DZ-Bank Chefvolkswirt Stefan Bielmeier und Bankleiter Sascha Köckeritz im Interview. Foto: Holger Isermann

DZ-Bank Chefvolkswirt Stefan Bielmeier und Bankleiter Sascha Köckeritz im Interview. Foto: Holger Isermann

Herr Bielmeier, zunächst eine Frage an den Volkswirt in Ihnen – wie geht es unserer Volkswirtschaft heute?

Bielmeier: Deutschland geht es eigentlich gut. Die Arbeitslosigkeit ist sehr niedrig, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit noch hoch.

Nehmen wir an, das Land wäre ein Patient, wie sähe die Diagnose aus?

Bielmeier: Es gibt natürlich erste Verschleißerscheinungen, das Land ist etwas in die Jahre gekommen und nicht alle Reparaturen, die sinnvoll gewesen wären, wurden vorgenommen.

Wo liegen die Wehwehchen?

Bielmeier: Das dritte Quartal wird wie es aussieht sogar leicht negativ, vor allem wegen der Automobilindustrie. Einerseits, weil sie die benötigten Abgasnormen nicht rechtzeitig realisieren konnte und es so zu Produktionsausfällen kam und andererseits gibt es die Diskussionen um Fahrverbote. Das zeigt natürlich, wie abhängig die deutsche Volkswirtschaft von der Automobilindustrie ist.

Diese wird hier in Wolfsburg besonders augenscheinlich. Wird es ein dunkler Herbst für die Region?

Bielmeier: Das Schlimmste ist erst einmal vorbei, weil die Abgasnormen mittlerweile erfüllt werden. Es wird jetzt auch Nachholeffekte geben. Aber das Signal, dass die politische Sicherheit in diesen Fragen nicht mehr gegeben ist, auch weil die Industrie ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat, sollte man ernst nehmen.

Wo sind weitere Hausaufgaben liegen geblieben?

Bielmeier: Das Land hat eine große Herausforderung durch die Demografie. Die Babyboomer gehen in den nächsten Jahren in Rente und der zunehmende Facharbeitermangel dämpft das Wachstum. Hier braucht es mehr Investitionen in die Bildung und wir müssen mit der Migration vorankommen. Der dritte Punkt betrifft die öffentlichen Investitionen. Mittlerweile sind sie zwar gestiegen, aber es fehlen einfach die Kapazitäten, das alles umzusetzen. Gerade Investitionen in Bildung und Infrastruktur sind für einen Innovationsstandort wie Deutschland einfach essentiell.

Wir haben eine lange Phase des Wachstums hinter uns. Ist es damit mittelfristig vorbei?

Bielmeier: Der Anfang vom Ende hat begonnen. Nach der Finanzmarktkrise wurde das wirtschaftliche Wachstum auch durch staatliche Konjunkturprogramme wie die Abwrackprämie angeschoben. Im weiteren Verlauf haben die Zentralbanken durch niedrige Zinsen und Liquidität die Konjunktur sehr unterstützt. Der belebende Effekt der Geldpolitik lässt nun langsam nach. Außerdem ist das geopolitische Umfeld deutlich schwieriger geworden. Das belastet die Handelsbeziehungen und wirkt sich besonders nachteilig auf die Länder mit einer hohen Exportabhängigkeit aus, wovon auch Deutschland betroffen ist.

Sie haben einige Steuerungsinstrumente bereits genannt. Wie groß ist der Einfluss der Politik heute noch auf das Wirtschafts- und Finanzsystem?

Bielmeier: Er ist in Deutschland eher geringer geworden. Das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts hat zu einer Ausgabenreduktion geführt. Es wurde zudem viel Klientelpolitik betrieben. Erinnern Sie sich an die Mütterrente, die sozialpolitisch ein geeignetes Instrument sein mag, aber nicht in ein Konzept eingebettet war.

^