„Ein Leuchtturm mitten im Strukturwandel“ (2/2)

Für die Akzeptanz des Forschungs- und Erlebniszentrums Paläon wirbt neben Schöningens Bürgermeister Henry Bäsecke seit Anfang des Jahres auch Manfred Casper

Blick auf die Ausgrabungsstätte, Internationale Archäologenteams erwarten hier noch weitere spektakuläre Funde. Foto: Holger Isermann


Das dürfte jetzt Ihr Bereich sein, oder?


Casper: Wir haben einen Deal gefunden und können in den nächsten Jahren als Team einiges bewirken – er für die Archäologie und ich in der kaufmännischen Verantwortung für die Zahlen und die Organisation.


Wie bewerten Sie die Finanzierungssicherheit des Paläons?


Casper: Ich habe eine sehr heterogene und unüberschaubare Trägerschaftsstruktur vorgefunden. Wir sind zu abhängig von zu vielen Geldgebern, die zu viele Entscheidungszwänge vor sich herschieben. Das ist auf Dauer nicht tragbar, weil wir uns dann in einem operativen Klein-Klein verschleißen. Das Ziel muss sein, langfristig eine Trägerstruktur zu finden, die uns mehr Planungssicherheit verschafft.


Bäsecke: Wir haben die Situation, dass wir die Paläon GmbH damals mit sechs Gesellschaftern gegründet haben. Die Frage ist, ob man nicht mittelfristig in eine Gesellschaft öffentlichen Rechts oder Stiftung über geht. Das würde etlichen Akteuren die Möglichkeit geben, sich kontinuierlich zu beteiligen, zum Beispiel dem Land Niedersachsen.


Herr Casper, können Ihre hervorragenden Kontakte in der Wirtschaft helfen?


Casper: Davon bin ich fest überzeugt. Ich bin erst wenige Monate hier und bekam bereits Anrufe von zwei Interessenten, die investieren wollen. Wir haben viele Visionen.


Zum Beispiel?


Casper: Es ist ein Turm geplant, von dem aus man die Ausgrabungen beobachten kann. Außerdem gibt es die Idee, ein Drohnenterminal aufzubauen, und von dort aus über die Umgebung zu fliegen. Das wäre doch abgefahren für junge Leute. Ich kann mir auch vorstellen, dass wir eine Verbindung für autonom fahrende Fahrzeuge von der Autostadt bis hierher einrichten, wenn die Region Braunschweig-Wolfsburg bei diesem Thema Referenzregion wird.


Bäsecke: Da kann ich ergänzen, mit Herrn Dr. Schmid, dem ehemaligen IHK-Präsidenten, haben wir im Förderverein „Schöninger Speere, Erbe der Menschheit“ jemanden, der in den letzten vier Jahren fantastisches geleistet hat und wie Herr Casper über tolle Kontakte verfügt. Das ist für mich ein wunderbares Beispiel einer guten Zusammenarbeit von Kommune, Gesellschaft, Industrie und dem Land Niedersachsen, die sich hier im Paläon manifestiert.


Wie schwer ist es, der digitalisierten Jugend die kulturgeschichtliche Bedeutung von Holzspeeren klar zu machen?


Casper: Sehr schwer: 90 Prozent der Besucher deutscher Museen sind älter als 60 oder Eltern, die mit ihren Kindern kommen. Die Millenials sind unsere „Lost Generation“, die sehen wir so gut wie nie. In der Phase, wo es mit dem Erwerb losgeht und Familien gegründet werden, haben die Menschen einen anderen Fokus. Senioren und Schulen sind uns sehr wichtig. Deshalb wird das Picknick-Konzert am Paläon auch keine Rock’n’Roll-Show.


Können die Besucher eine Art Klassik im Park am Paläon erwarten?


Casper: Genau. Das Staatsorchester wird wohl leichte Klassik aus den verschiedensten Aufführungen spielen, aber genau wollte Herr Weller das noch nicht verraten. Es wird Bürgertafeln geben, die man vorher buchen kann, wenn man nicht auf dem Boden sitzen möchte. Auch kulinarisch wird etwas geboten – und zwar Foodtrucks mit Spezialitäten aus der Region. Außerdem ist für die Kinder das Abenteuercamp geöffnet.


Bäsecke: Als wir das 3. Allgemeine Musikfest veranstaltet haben, waren hier an einem Wochenende fast 10.000 Menschen unterwegs. So viele werden es beim Picknick-Konzert nicht werden, aber es wäre schön, wenn viele Schöninger mit uns einen wunderbaren Tag verbringen.


Wie wichtig ist diese Eventisierung?


Casper: Sie unterstützt unsere Kernbotschaft. Events sind nicht notwendig, um das Museum zu halten, sondern eher, um ein Stück zu Hause zu schaffen. Kultur wirkt als Klebstoff für die Gesellschaft, damit die Menschen sich nicht abgehängt fühlen.


Bäsecke: Das Stichwort Zuhause finde ich unheimlich gut: Wir wissen mittlerweile, wo die Jagd vor 300.000 Jahren stattgefunden hat, aber nicht hunderprozentig, wo die Jäger zu Hause waren. Sehr wahrscheinlich war es oben am Rand von Schöningen. Von dort hatten die Menschen einen guten Überblick über die Ebene und schon für unsere Vorfahren war dieser Ort Heimat.

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