„Ein Leuchtturm mitten im Strukturwandel“

Für die Akzeptanz des Forschungs- und Erlebniszentrums Paläon wirbt neben Schöningens Bürgermeister Henry Bäsecke seit Anfang des Jahres auch Manfred Casper

Für die Akzeptanz des Forschungs- und Erlebniszentrums wirbt neben Schöningens Bürgermeister Henry Bäsecke seit Anfang des Jahres auch Manfred Casper. Foto: Holger Isermann


Wenn Sie die Zeit seit der Einweihung des Paläons im Jahr 2013 betrachten: Wurde das Potential seitdem genutzt?


Manfred Casper: Wir wünschen uns eine hohe Identifikation der Schöninger mit dem Paläon. Sie sollen es als ihr Wohnzimmer begreifen. Dazu brauchen wir niedrigschwellige Veranstaltungen, auf die jeder Lust hat. Für die Zukunft gibt es noch viel mehr Möglichkeiten, aber wir konzentrieren uns weiterhin auf unser Kerngeschäft: Wir sind kein Disneyland oder Wacken-Festival, sondern ein Haus für Ur- und Frühgeschichte mit einem Bildungsauftrag, dem wir gerecht werden wollen.


Wie groß ist die Akzeptanz der Bürger? Es gab ja auch kritische Stimmen …


Henry Bäsecke: Wir sind die Paläon-Stadt Schöningen. Natürlich gab es Menschen, die gefragt haben, warum man die Speere nicht einfach in Hannover oder Braunschweig in einem bereits vorhandenen Museum ausstellt. Das ist aber nicht authentisch. Die Speere wurden hier im Tagebau gefunden, das war eine Sensation und deshalb gehören sie hierher. Manch einer sagt: Mit dem Geld hätten man auch eine Schule oder ein Schwimmbad sanieren können, aber dafür hätten wir es nicht bekommen. Das war eine einmalige Chance – ein Leuchturm mitten im Strukturwandel …


Casper: … auf den ein Großteil der Menschen hier gewartet hat. Das habe ich bei meinen Einzelgesprächen mit Ehrenamtlichen und Mitarbeitern schnell festgestellt. Durch die Schließung des Bergbaus ist ein brachialer Strukturwandel ausgelöst worden, der die Frage aufwirft: Wo geht die Reise für die Region hin?


Haben Sie eine Antwort für uns?


Casper: Wenn der Tagebau in zehn bis 20 Jahren geflutet ist und der Grüngürtel entsprechend weiterentwickelt wird, könnte um uns herum ein Naherholungsgebiet mit Strahlkraft ins gesamte südliche Niedersachsen entstehen. Und das Paläon mittendrin.


Was kann ihnen eigentlich Besseres passieren?


Bäsecke: Wir arbeiten darauf hin, dass die Menschen, die kommen, um das Paläon zu besuchen, nicht nach drei bis vier Stunden abreisen, sondern einige Tage bleiben. Nur dann wird es auch zu einem wirtschaftlichen Faktor für die Region. Deshalb sind wir dabei, hochinteressante Freizeiteinrichtungen zu schaffen. Wir haben zum Beispiel einen wunderbaren Golfplatz am Elmrand, vor anderthalb Jahren unser Badezentrum saniert und sind dabei, die stillgelegte Eisenbahnstrecke touristisch wiederzubeleben.


Wann wird man am Paläon baden können?


Bäsecke: Der Lappwaldsee in Helmstedt hat 2032 seine Obergrenze erreicht, dann können Sie dort Ruderboot fahren oder schwimmen. Der Elmsee, das ist der Arbeitstitel des Gewässers, das direkt hier am Paläon entstehen soll, braucht rund 40 bis 50 Jahre.


Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung der Besucherzahlen?


Casper: Da muss mehr passieren, das muss man deutlich sagen, wobei wir im Vergleich mit ähnlichen Einrichtungen im oberen Mittelfeld rangieren. Aktuell kommen rund 50.000 Besucher pro Jahr.


Herr Bäsecke, wie schwierig ist es im Rat Mehrheiten für die Finanzierung zu erhalten?


Bäsecke: Wir diskutieren natürlich jedes Jahr, wie wir in der Lage sind, uns einzubringen. Die Kommune hat einen defizitären Haushalt. Das macht es besonders schwer, aber wir haben bisher immer die Zustimmung erhalten.


Über welche Zahlen sprechen wir?


Bäsecke: Jährlich eine halbe Millionen Euro für den Landkreis Helmstedt und die Stadt Schöningen. Für die Kommune ist das schon ein mächtiger Schluck aus der Pulle. Mit dem Land Niedersachsen haben wir eine Vereinbarung über eine Million Euro, die es über drei Jahre zur Verfügung stellt, aber eben projektbezogen.


Herr Casper, wie kam es dazu, dass es Sie vom Arbeitgeberverband hier nach Schöningen verschlagen hat?


Casper: Ein wesentlicher Grund, dieses Projekt in Angriff zu nehmen, ist Idealismus. Ich bin in der DDR geboren und aufgewachsen und dann, nach gescheitertem Fluchtversuch und Inhaftierung, freigekauft worden und habe hier meine Heimat gefunden. Ich denke, es ist nur recht und billig, mit dem was ich erleben und lernen durfte, was ich hier mit meiner Familie gefunden habe, auch ein bisschen was zurückzugeben. Natürlich kommt hinzu, dass ich mich noch nicht als klassischen Rentner betrachte, der nach der Gartenarbeit erschlagen ins Bett fällt.


Bäsecke: Ich würde sagen, der neue Job ist ein hervorragender Karrieresprung (lacht).


Casper: Aber in welche Richtung? Das wollen wir jetzt mal nicht weiter vertiefen … (lacht auch).


Wie haben Sie das Haus vorgefunden?


Casper: Ich habe eine hochmotivierte Mannschaft angetroffen, die allerdings sehr unstrukturiert aufgestellt war. Das Paläon war letztendlich eine Art Start-up, da ist das nicht untypisch. Herr Dr. Westphal sehe ich nicht als Vorgänger, sondern als Partner an meiner Seite. Er ist ein sehr engagierter, hochintelligenter Archäologe, aber er hat noch nie ein Unternehmen geführt.

 

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