Chemie-Industrie, wo andere Urlaub machen (2/3)

Der moderene Wirtschaftsstandort Goslar will das Image des Ausflugslokals loswerden

Dr. Jan Lösch und Dr. Jens Knöll, Geschäftsführer der H. C. Starck GmbH. Foto: HC Starck

„Wir blicken zuversichtlich in die Zukunft. Das gilt für die eigenständigen Pulvergesellschaften ebenso wie für alle anderen Unternehmensteile. Wir haben die erforderlichen strukturellen Voraussetzungen für weitere positive Entwicklung geschaffen und gehen für 2017 von nachhaltiger Erholung unserer Kernmärkte aus.“ Die Division Tantalum/Niobium etwa verteidigte ihre Vorreiterrolle in den wichtigen Marktsegmenten 2016 erfolgreich – trotz des stagnierenden Elektronikmarktes. Um die steigende Nachfrage zu bedienen, wurden die Kapazitäten in Goslar weiter ausgebaut. „Gerade in diesen angespannten Marktphasen ist es wichtig, unseren hochtechnologischen Anlagenpark weiter zu optimieren. Das herausragende Knowhow unserer Spezialisten in Goslar und weltweit, trägt entscheidend zur hohen und konstanten Qualität unserer Produkte bei“, sagt Jens Knöll, Geschäftsführer der H.C. Starck GmbH.

Der Standort Innerstetal in Langelsheim im Harz ist der größte Produktionsstandort der Lithium-Organisation der Albemarle Germany GmbH – mit mehr als hundert Jahren Tradition. Hier werden etwa Lithiumverbindungen hergestellt. Diese finden beispielsweise Verwendung in LithiumIonen-Batterien oder als Synthesebaustein für medizinische Wirkstoffe. Albemarle ist zudem ein bedeutender Anbieter von Caesiumverbindungen sowie weiterer Metallprodukt-Spezialitäten wie Zirkon, Barium oder Titan. Diese werden in Zündern von Airbags oder in der Röntgentechnologie verwendet. Seit rund einem Jahr existiert zudem das ChemieNetzwerk Harz, in dem etwa 30 Unternehmen und Institutionen als Mitglieder vertreten sind. Die Einrichtung dieses Netzwerkes sei „ein wichtiger Impuls“ gewesen, sagt Landrat Brych.

Jetzt hat das Netzwerk zudem sein erstes gefördertes Innovationsprojekt bekanntgegeben, an dem etwa die Albemarle Germany GmbH beteiligt ist. Dabei unterstützt das Land Niedersachsen die Entwicklung eines Energiedaten-Erfassungsystems der Goslarer Firma PDVSoftware. Pilotanwender des Systems ist Albemarle. Darüber hinaus gibt es weitere interessierte Anwenderunternehmen. Die erfolgreiche Antragstellung des ersten förderfähigen Innovationsprojekts im Rahmen der Arbeit des Chemie-Netzwerks wurde von der Technologieberatung der WiReGo und der TU Clausthal begleitet. „Die erfolgreiche Antragstellung beweist das Innovationspotenzial der Wirtschaftsregion Goslar“, freut sich WiReGo-Geschäftsführer Jörg Aßmann. Das neue System soll Fehlerquellen bei Ableseprozessen von unterschiedlichen Energiezählertypen reduzieren. Die Zahlen sollen somit präziser werden. „Dieses Projekt ist ein wichtiger Baustein für die Digitalisierung in produzierenden Unternehmen“, erklärt Peter Scheffler, Netzwerkmanager des ChemieNetzwerks.

„Die WiReGo und das Chemie-Netzwerk Harz haben uns engagiert unterstützt, um die Antragstellung erfolgreich durchzuführen“, bestätigt Tristan Niewisch, Geschäftsführer pdv-software GmbH. Auch Christian Brieke, Werkleiter des Standorts Langelsheim der Albemarle Germany GmbH, betont die Bedeutung eines solchen Förderprogramms: „Albemarle ist davon überzeugt, dass in diesem Projekt Lösungen entwickelt werden, die deutliche Verbesserungen hinsichtlich Aufwand und Qualität bei der Erfassung und Auswertung von Energieverbrauchsdaten erzielen werden und unterstützt dieses Projekt daher bei der Konkretisierung von Kundenanforderungen und als Pilotanwender.“

Auch die Forschung ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor im Landkreis. Neben der TU Clausthal haben sich etwa das Energieforschungszentrum Niedersachsen und das Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut vor Ort etabliert. Zusammen erforschen diese drei Einrichtungen derzeit etwa, wie bei zunehmender Nutzung erneuerbarer Energien und der Ablösung konventioneller Großkraftwerke die Netzstabilität erhalten bleiben. Gefördert wird das Projekt mit 2,65 Millionen Euro vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Hinzu kommen 1,9 Millionen Euro der Industrie. Die Clausthaler Umwelttechnik-Institut GmbH (CUTEC), die Technologiezentrum Clausthal GmbH aber auch das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie zählen zu den weiteren wichtigen Einrichtungen des Landkreises.

Seit Kurzem versucht sich Goslar als Standort für Spezial-Logistiker zu etablieren. Dabei hilft vor allem die relativ gute Anbindung (die Autobahnen 395 und 7 sowie die Bundesstraße 6n) und die Lage. Auf der anderen Seite ist die vorhandene Industrie ein wichtiger Faktor. So hat sich etwa der Chemielogistiker PLG erst kürzlich in Bad Harzburg niedergelassen. „Unsere Chemie-Unternehmen brauchen schließlich auch Logistik-Dienstleistungen“, erklärt Jörg Aßmann, Geschäftsführer der WiReGo und fügt hinzu: „Goslar wird oftmals ausschließlich als Urlaubsregion wahrgenommen. Wir sind aber auch immer schon eine Industrieregion gewesen.“ Passend zur Logistik ist Goslar auch als Standort für Verpackungs-Profis bekannt.

Lebensmitteldosen aus Seesen etwa haben schon viele Jahrzehnte Tradition. Bekannt sind die Firmen Sonnen-Bassermann und die Seesener Blechwarenfabrik Fritz Züchner. Die Tradition halten noch heute die Firmen Crown Nahrungsmitteldosen und Ardagh Metal Packaging aufrecht. Auch die Harzer Kartonagen gehören in diesen Themenbereich – ein Traditionsunternehmen, das den Sprung in die Moderne geschafft hat. Vor wenigen Monaten hat der Betrieb etwa das Holzwerk Raschke in Sankt Andreasberg übernommen. Damit produziert die Harzer Kartonagenfabrik jetzt das Holz für ihre Kombinationsverpackungen aus Wellpappe und Holz selbst. „Das macht uns noch flexibler“, erzählt Uwe Borsutzky, Geschäftsführer der Harzer Kartonagenfabrik. „Wird aber statt einer Materialkombination aus Pappe und Holz eine reine Holzkiste benötigt, können wir auch diese herstellen und liefern“, ergänzt er.

 

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