Chemie-Industrie, wo andere Urlaub machen

Der moderne Wirtschaftsstandort Goslar will das Image des Ausflugslokals loswerden

Kalk und Zink, Lithium – Nitride und Sulfide: Die Steine im Harz sind schon seit vielen hundert Jahren wirtschaftlich attraktiv. Foto: HC Starck

Kalk und Zink, Lithium – Nitride und Sulfide: Die Steine im Harz sind schon seit vielen hundert Jahren wirtschaftlich attraktiv – der Bergbau hat die Region stark gemacht. Heute setzt in Goslar die Chemie-Industrie diese Tradition fort und profitiert von der geologischen Vielfalt des Gebirges. Mit echten Riesen wie H.C. Starck und Oker-Chemie stellt dieser Wirtschaftszweig die meisten Arbeitsplätze im Landkreis. Ebenfalls ein enorm wichtiger Wirtschaftsmotor und Arbeitgeber im Nordharz ist selbstverständlich der Tourismus. Die Berglage lockt Aktiv-Urlauber ebenso an wie Reha-Patienten. Die Zahlen steigen kontinuierlich. Goslar ist längst ein moderner Wirtschaftsstandort. Das hat sich nur noch nicht überall herumgesprochen – auch in Goslar selbst noch nicht.

„Es tut sich etwas“, findet auch Jochen Stöbich. Der Brandschutz-Unternehmer vertritt den Wahlkreis Goslar im Präsidium der Industrie- und Handelskammer Braunschweig. Nach einer Phase des Stillstands sei in die Wirtschaft wieder Dynamik eingezogen, so Stöbich. Goslar schreite mit kleinen Schritten voran. „Ich erwarte nicht, dass ein großes Unternehmen sich hier niederlässt und auf einen Schlag hunderte Jobs entstehen. Aber es gibt hier viele kleine Unternehmen und Hidden Champions, die unterstützt werden müssen“, sagt der Unternehmer, dessen Betrieb mit seiner Weltmarkt-Stellung im Segment der Brandschutz-Elemente (siehe Standort38 Titelinterview Juli 2016) selbst zu diesen Hidden Champions zählt. Goslar wandelt sich in auch die Wahrnehmung – außen wie innen. „Goslar galt lange Zeit als das Ausflugslokal für die Braunschweiger. Wir sind aber auch schon immer ein starker Industrie-Standort gewesen“, betont der Firmeninhaber. In Goslar herrscht inzwischen eine positive Grundstimmung.

Das unterstreicht auch Landrat Thomas Brych: „Betrachtet man die wirtschaftliche Situation im Landkreis Goslar ist seit einigen Jahren ein wahrhaft positiver Trend zu verzeichnen“. Diese dynamische Entwicklung lasse sich etwa an den erhaltenen Fördermitteln ablesen. Die beim Landkreis angesiedelte Wirtschaftsförderung WiReGo sei äußerst erfolgreich und effizient bei der Unterstützung von Unternehmen, die Fördermittel für Investitionen beantragen. „So konnten allein im vergangenen Jahr GRW-Fördermittel in Höhe von acht Millionen Euro eingeworben werden, was für die Entstehung und Sicherung von 216 Arbeitsplätzen sorgte“, erklärt Brych. Weitere wichtige Meilensteine in der wirtschaftlichen Entwicklung seien die Stärkung des Tourismus, der Breitbandausbau, das Südniedersachsenprogramm sowie die gezielte Inwertsetzung des Weltkulturerbes. In der wirtschaftlichen Entwicklung sei Goslar auf einem wirklich vielversprechenden Weg, so Brych. „Und dabei handelt es sich nicht nur um ein zartes Pflänzchen, sondern um eine nachhaltige Entwicklung.“

Es gibt aber auch noch viele Potenziale zu heben und einige Bereiche, in denen Nachholbedarf besteht – allen voran: die Außendarstellung. Diese gelte es noch deutlich zu verbessern, findet Thomas Brych. „Auch die eigene Wahrnehmung – wie die Menschen, die hier leben, ihre Region bewerten – kann und muss optimiert werden.“ Damit verbunden ist die Forderung nach einem neuen, stärkeren Selbstbewusstsein. „Wir brauchen uns nicht zu verstecken und sollten uns auf unsere Stärken besinnen. Denn mit einem gesunden Selbstbewusstsein wird es uns gelingen, unsere Region nachhaltig nach vorne zu bringen“, sagt der engagierte Landrat. In Sachen Infrastruktur gelte es, insbesondere den Ausbau des Breitbandnetzes voranzutreiben. Goslar ist auf einem guten Weg. „2017, spätestens aber 2018 – so sehen es unsere realistischen Planungen vor – werden 99 Prozent plus X unserer Haushalte mit schnellem Internet mit Mindestgeschwindigkeiten von 30 bis 50 Mbit und mehr versorgt sein“, verspricht er. In Hinblick auf das Marketing erhofft er sich zudem Impulse aufgrund des Engagements in der Allianz für die Region. „Der Landkreis Goslar ist fest verwurzelt in der Region Braunschweig, und das ist wirklich eine gute Chance, uns auf Augenhöhe zusammen mit starken Partnern für die Zukunft zu rüsten.“

Vielleicht hilft der Aufwind in der Goslarer Wirtschaft auch bei einer anderen Herausforderung. „Ein Problem, das wir leider nicht so richtig in den Griff bekommen, wie wir es uns wünschen, ist der demografische Wandel. Unsere Bevölkerung gehört zu den ältesten in ganz Niedersachsen“, berichtet der Landrat. Er zeigt sich jedoch zuversichtlich, dass die Anstrengungen in der Wirtschaft auch bei diesem Thema weitere Impulse setzen werden. Goslar liegt im Herzen der Bundesrepublik und ist aus allen Himmelsrichtungen ideal zu erreichen. Zudem ist der Landkreis aufgrund seiner geographischen Lage bestens an das deutsche Verkehrswegesystem angeschlossen. Das Netz bedeutender Verkehrswege (A7 / A39 / B6 und B82) mache die Region etwa auch für Berufspendler interessant, so der Landrat. „Wir verfügen darüber hinaus über attraktiven und bezahlbaren Wohnraum, ein klarer Pluspunkt für unseren Landkreis“, rührt er die Werbetrommel. „Und natürlich ist ein klarer Standort-Vorteil auch in unserer schönen, abwechslungsreichen Landschaft zu finden“, erklärt der Landrat weiter. Er ist überzeugt, dass man diese Vielfalt andernorts nicht so schnell finden werde. Die Freizeitmöglichkeiten seien nahezu unbegrenzt. Auch die Inwertsetzung des Weltkulturerbes spiele eine Rolle. In diesem Bereich passiert derzeit richtig viel. „Hier wird mittelfristig eine moderne und zeitgemäße museale Infrastruktur geschaffen, die die Attraktivität der Region für Gäste, aber auch für Einheimische weiter steigern wird“, blickt Brych voraus.

Auch Brych betont, dass die Chemieindustrie „einen immens hohen Stellenwert für die Region“ habe. Rund 12.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze seien dort zu verorten. Die Chemie trägt mit rund 1,5 Milliarden Euro erheblich zur jährlichen Wertschöpfung bei. Zusammen mit den Nachfolge-Industrien des Bergbaus, steht Goslar heute als Region für Chemie und Metallurgie da. Auch beim Thema Recycling geht am Nordharz kein Weg mehr vorbei. Rund 3.000 Arbeitsplätze sind in diesem Chemie-Zweig zu verorten. Der Goslarer Branchen-Riese H.C. Starck beschäftigt weltweit 2.700 Mitarbeiter, rund 1.000 davon in Goslar. Damit ist das Unternehmen der größte Arbeitgeber im Landkreis.

Die FelsWerke GmbH, die auf Kalkstein spezialisiert ist, zählt rund 1.000 Mitarbeiter. 500 weitere Angestellte arbeiten bei Albemarle – ehemals Rockwood Lithium GmbH. Heubach, Pigment-Hersteller aus Langelsheim, beschäftigt 160 Mitarbeiter. Recyclex, Oker Chemie (30), Chemetall (160) – die Liste ist lang, wenn es um Unternehmen aus dem Landkreis Goslar geht, deren Hauptgeschäft in der Chemie oder Metallurgie angesiedelt ist. Der größte Arbeitgeber der Branche – H.C. Starck, einer der führenden Hersteller von kundenspezifischen Pulvern und Bauteilen aus Technologie-Metallen und technischer Keramik, verbuchte 2016 einen Umsatz von 688,4 Millionen Euro. Im Jahr zuvor waren es sogar 815,2 Millionen Euro. Erst im vergangenen Jahr strukturierte sich das Unternehmen neu, indem es drei Pulverdivisionen schuf. „In unserer fast hundertjährigen Unternehmensgeschichte haben wir damit einen neuen Meilenstein erreicht“, erklärt dazu Engelbert Heimes, Vorsitzender der Geschäftsführung der H.C. Starck Gruppe.

 

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