Industrie-Standort mit Lebensqualität (3/4)

Salzgitter blickt zurück auf eine 75-jährige Stadtgeschichte

Einer der Top-Arbeitgeber in der Region: MAN Truck & Bus. Foto: AK-Photography

Der Zugproduzent Alstom hat auf seiner Teststrecke in Salzgitter erst in diesem Jahr den Coradia iLint erfolgreich starten lassen. Dabei handelt es sich um den weltweit einzigen brennstoffzellenbetriebenen Personenzug. Anfang 2018 soll der Zug auf der Strecke Buxtehude – Bremervörde – Bremerhaven – Cuxhaven in den Probebetrieb mit Fahrgästen gehen. Der Coradia iLint ist weltweit der erste Niederflur-Personenzug, der mit einer Wasserstoff-Brennstoffzelle betrieben wird, die elektrische Energie für den Antrieb erzeugt. Dieser komplett emissionsfreie Zug ist geräuscharm und gibt lediglich Wasserdampf und Kondenswasser ab. Saubere Energieumwandlung, flexible Energiespeicherung in Batterien sowie smartes Management von Antriebskraft und verfügbarer Energie seien die Innovationen, die den Zug laut Unternehmensangaben auszeichnen. Basierend auf dem Dieselzug Coradia Lint ist der iLint besonders geeignet für den Einsatz auf nichtelektrifizierten Strecken. Er ermöglicht einen nachhaltigen Zugbetrieb unter Beibehaltung einer hohen Zugleistung. „Mit dem Coradia iLint und seiner Brennstoffzellen-Technologie ist Alstom der erste Schienenfahrzeughersteller, der eine emissionsfreie Alternative für Nahverkehrszüge bietet. Heute ist dieses neue Antriebssystem, das bislang erfolgreich auf dem Prüfstand erprobt wurde, erstmalig in einem Zug im Einsatz – ein entscheidender Schritt für saubere Mobilität in Europa“, sagte Didier Pfleger, Sprecher der Geschäftsführung von Alstom Deutschland und Österreich, nach der Testfahrt.

Einer der wichtigsten Arbeitgeber der Stadt ist die Salzgitter AG. Und sie sorgt selbst für den Fachkräfte-Nachwuchs. Anfang September haben 152 junge Menschen ihre Ausbildung im Konzern begonnen – darunter insbesondere Industriemechaniker, Zerspanungsmechaniker und Elektroniker. Zudem meldete der Konzern einen Aufwärtstrend: Er verzeichnete im ersten Halbjahr 2017 das beste Halbjahresergebnis seit 2011. Dazu maßgeblich beigetragen hätten die hervorragenden Resultate der Geschäftsbereiche Flachstahl und Handel sowie die erfolgreiche Umsetzung der konzerninternen Programme. „Die messbaren Erfolge unserer Strategie spiegeln sich nicht zuletzt in der nunmehr zweiten Erhöhung der Ergebnisprognose im laufenden Geschäftsjahr wider. Der Stolz auf das Erreichte ist Ansporn und Motivation, die noch vor uns liegenden Aufgaben gleichermaßen tatkräftig anzugehen“, wird der Vorstandsvorsitzende Heinz Jörg Fuhrmann in einer Pressemitteilung zitiert.

Im Motorenwerk Salzgitter werden täglich bis zu 7.000 Otto- und Dieselmotoren in über 200 Varianten gefertigt – vom 3- bis zum 16-Zylinder. Seit der Werksgründung im Jahr 1970 wurden mehr als 57 Millionen Motoren hergestellt. Das Volkswagen Werk ist eins der weltweit größten Motorenwerke, doch auch hier stehen Veränderungen an – etwa der schrittweise Wandel von der Verbrennungstechnologie in die Elektromobilität.  Aktuell baut das Werk Salzgitter stufenweise Kompetenz für die Entwicklung und Fertigung von Batteriezellen und -modulen auf und bereitet die Fertigung von Komponenten für den e-Antrieb vor.  Die Wirtschaftlichkeit des Standortes zu erhöhen, ist ein weiteres Ziel. Ein Schritt dahin ist mit der Kooperationsvereinbarung mit der GAZ-Gruppe getan. Volkswagen und die GAZ Gruppe haben in Russland einen Vertrag über die Lieferung von Motoren aus Salzgitter an den russischen Hersteller unterzeichnet. Die 2.0-TDI-Motoren sollen ab 2019 in leichten Nutzfahrzeugen von GAZ verbaut werden. Das geplante Gesamtvolumen der Motorenlieferung nach Russland umfasst rund 200.000 Einheiten über eine Laufzeit von fünf Jahren. „Volkswagen fertigt für die Marken des Volkswagen Konzerns wettbewerbsüberlegene Otto- und Dieselmotoren in Großserie, die wir jetzt auch im Drittmarkt anbieten.

Die Partnerschaft mit GAZ erhöht die Wirtschaftlichkeit unseres Standortes und sichert zugleich Beschäftigung beim schrittweisen Wandel unseres Werkes aus der Verbrennungstechnologie in die Elektromobilität“, kommentierte Christian Bleiel, Leiter Geschäftsfeld Motor und Werkleiter in Salzgitter, der den Vertrag vor Ort unterzeichnete. Thomas Schmall, Volkswagen Komponentenvorstand, sagte: „Der Motorenstandort Salzgitter befindet sich mitten in der Transformation. Der Volkswagen Zukunftspakt bildet den Rahmen dafür, die Wirtschaftlichkeit zu stärken und die Zukunft zu sichern. Hierzu gehört auch, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Nun steigt Salzgitter mit seinen Serienaggregaten verstärkt ins Drittmarktgeschäft ein – und trägt so dazu bei, dass die Transformation der Volkswagen Komponente gelingen kann.“ Betriebsratsvorsitzender Andreas Blechner betonte: „Es ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, unsere Motoren auch an andere Hersteller zu verkaufen. Das vereinbarte Volumen von insgesamt rund 200.000 Motoren kompensiert und übertrifft den im Zukunftspakt festgeschriebenen Wegfall bei unseren Industriemotoren.“ Blechner dankte dem Werkleiter für dessen Engagement in Richtung Russland, das am Standort Salzgitter nachhaltig mehr als 50 Arbeitsplätze sichert.

Der großen Industrie mit ihren Produktionswerken stehen zahlreiche innovative Mittelständler gegenüber. Sie tragen und beleben ebenfalls die Wirtschaft in der Flächenstadt. Beispiel: Unipress. Der Industriezulieferer für hochwertige Etiketten beschäftigt rund 60 Mitarbeiter in Salzgitter. Olaf Kierchner hat die Firma 1980 gegründet. Seine innovative Idee: universell verpresste Etiketten, bei denen der Druck zwischen zwei Folien-Schichten liegt. „Mit diesem neuen Produkt hatte ich sehr schnell Erfolg“, sagt Kierchner. Inzwischen hält die Firma zahlreiche Patente auf innovative Etiketten-Fertigung. Kleinstauflagen werden auf zwei Meter großen Druckmaschinen gefertigt – für die Massenfertigung stehen dagegen 16-Meter-Riesen in den Produktionshallen auf dem Firmengelände. Unipress gehörte weltweit zu den ersten Zulieferern des Elektronik-Herstellers Commodore. „Glücklicherweise habe ich mich aber schnell um viele weitere Kunden bemüht“, so der Unipress-Gründer. Heute befinden sich die Etiketten aus Salzgitter-Engelnstedt auf Produkten der Auto- und Flugzeugindustrie oder in Krankenhäusern – in Deutschland, Europa und Übersee. 50 Prozent seines Umsatzes gehen in den Wiederverkauf. „Komplett-Anbieter nutzen uns als Zulieferer“, erklärt Kierchner. In dieser Rolle muss Unipress schnell und just-in-time liefern können.

 

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