Knotenpunkt im Herzen Niedersachsens

Bis in die Mitte der 1970er Jahre, bis zur großen Stahlkrise, profitierte Peine von seiner Stahlindustrie

Der Pferdebrunnen. Foto: Peine Marketing

Ganz verleugnen kann Peine seine Stahlindustrie jedoch nicht. Neben Straßennamen ist das Werk der Peiner Träger AG im Herzen der Stadt ein deutliches Zeichen. Obwohl die Peiner Träger 2016 nicht mit voller Auslastung fuhren, konnten sie einen Vorsteuergewinn erzielen und ihren 790 Mitarbeitern wieder eine Prämie auszahlen.

„Mit der Salzgitter AG beziehungsweise der Peiner Träger GmbH hat eines der modernsten Elektrostahlwerke Europas seinen Sitz in Peine. In diesem Zusammenhang ist es besonders erfreulich zu hören, dass die Firma kürzlich im Rahmen ihrer Hauptversammlung eine positive Entwicklung vermelden und im ersten Quartal des Jahres das erfolgreichste Geschäftsjahr seit 2008 bekanntgeben konnte“, sagt der Bürgermeister der Stadt Peine, Klaus Saemann. Matthias Adamski von der Wirtschafts- und Tourismusfördergesellschaft des Landkreis Peine, kurz Wito, räumt allerdings ein, dass die aktuelle Situation eine Momentaufnahme ist: „Was die Entwicklung in 2017 und die folgenden Jahre angeht, kann man als Außenstehender nur spekulieren. Nur eines ist klar: Sollte die Peiner Träger GmbH einmal ihren Betrieb einstellen, würden nicht nur die Beschäftigten ihre Arbeit verlieren, sondern auch einige Zulieferer bekämen erhebliche Probleme. Die gesamte wirtschaftliche und Arbeitsmarktsituation der Stadt Peine und des Landkreises würde sich deutlich verschlechtern.“

Die aktuelle Entwicklung der Salzgitter AG, aber auch der VW mit seinen Werken in Wolfsburg und Salzgitter, sind auch für die Unternehmen und Arbeitnehmer aus dem Landkreis spürbar. „Die Entwicklungen der beiden Unternehmen haben eine unmittelbare Auswirkung auf die Kaufkraft im Landkreis Peine“, stellt Stefan Honrath, Leiter der Volksbank Direktion Peine, fest. „Aber beide Konzerne haben ihre jeweiligen Krisen in der Vergangenheit – ob nun konjunkturell bedingt oder hausgemacht – angegangen und überwunden. Ich bin sehr zuversichtlich, dass das auch für die Gegenwart und Zukunft gilt.“ Die durch den Diesel-Skandal ausgelöste Krise bei Volkswagen birgt jedoch auch Chancen für die Region. So zumindest äußert sich Reiner Panke, Regionaldirektor der Sparkasse Hildesheim Goslar Peine, der die sich dadurch entwickelnde Diskussion des Themas „E-Mobilität“ begrüßt: „Die damit verbundene Ausrichtung der Region in Richtung Zukunftstechnologien und Batterieproduktion wird in den Vordergrund gerückt. Der Mittelstand ist in diese Entwicklung stark involviert.“

Neue Arbeitsplätze zu schaffen gehört, neben der Aufgabe bestehende Arbeitsplätze zu sichern, zu den Fokusthemen in Peine. Dafür wird unter anderem ein Branchenmix angestrebt, um die kriesenanfällige Strukturen zu vermeiden. In den städtischen Industrie- und Gewerbegebieten hat sich in den letzten 20 Jahren ein Mix aus Dienstleister und Logistikbetrieb, über Metall- und kunststoffverarbeitende Betriebe, Unternehmen der Daten- und Kommunikationstechnik sowie Schreibwaren- und Confiseriehersteller niedergelassen. „Die städtische Wirtschaftsförderung legt in diesem Zusammenhang großen Wert auf die Schaffung einer damit korrespondierenden Anzahl qualifizierter Arbeitsplätze, um mittelfristig eine positive Auswirkung auf die Kaufkraft in Peine zu erzielen“, erklärt Peines Bürgermeister Saemann.

Als Beispiele nennt er die Firmen Meyer & Meyer, Röchling, DSV, Fitesa, Rehm Dichtungen Ehlers und Agravis, die das Industriegebiet Peine Ost beleben. Das Investitionsvolumen der Firmen an dem Standort schätzt er auf mehr als 50 Millionen Euro. Insbesondere die Ansiedlungen aus der Logistikbranche wertet Pannke als positives Zeichen für den Standort Peine: „Die Logistikfirmen bedeuten auch neue Arbeitsplätze – zwar nicht in riesiger Anzahl, aber dennoch ein gutes Signal.“

Der Vlieshersteller Fitesa, der die Grundstoffe für Windeln, Damenbinden und Einweg-Schutzanzüge herstellt, hat erst im Juni eine 3.000 m² große neue Produktionshalle sowie eine 2500-m²-Lagerhalle eingeweiht. Durch die Erweiterung konnte die Belegschaft in Peine um 35 Mitarbeiter auf 115 vergrößert werden. Der Lieferradius des 1969 gegründeten Werkes liegt bei circa 400 Kilometern rund um die Fuhsestadt. „Wir stellen Vlies in unterschiedlichsten Stärken her, die Spanne reicht von 8 bis 80 Gramm pro Quadratmeter“, sagt Henning Waßmann, Geschäftsführer. Die jährliche Produktionskapazität liegt bei rund 1.200 Quadratkilometern. Also mehr als 168.000 Fußballfelder und fast zehnmal so viel wie die Fläche der Stadt. Im Vier-Schicht-System produzieren die Mitarbeiter rund um die Uhr und jeden Tag des Jahres aus Polypropylen-Pellets Vlies-Stoffe unterschiedlicher Breite und Stärke. Fitesa ist ein Unternehmen des Evora Konzerns, der ursprünglich aus Brasilien stammt und seinen Hauptsitz in Porte Alegre hält. Neben dem Fitesa-Standort Peine gibt es weitere Niederlassungen in Europa, Nord- und Südamerika sowie Asien.

In direkter Nachbarschaft hat der Automobilzulieferer Röchling Automotive im März eine neue Produktionshalle in Betrieb genommen. Der Kunststoffverarbeiter stellt unter anderem Mittelkonsolen, Windläufe und Türinnenverkleidungen für PKW im Spritzgussverfahren her. Etwas mehr als 13 Millionen hat der Konzern in die neue Halle samt Krananlage, Materialversorgung und Granulat-Trockner investiert. Ebenfalls als Automobilzulieferer ist der internationale Konzern Faurecia in Peine ansässig. Seit der Betriebseröffnung 1990 werden im Faurecia Werk Peine auf einer Fläche von rund 19.000 Quadratmetern Innenraumkomponenten produziert. Aktuell werden am Standort vor allem Instrumententafeln, Türinnenverkleidungen und Mittelkonsolen im sogenannten „Justin-Sequence“ (JIS) Verfahren hergestellt. Mit derzeit 320 Mitarbeitern werden täglich rund 2.000 Fahrzeugeinheiten produziert und an die Kunden Volkswagen, Daimler und Ford ausgeliefert.

Zudem wird am Standort Peine ein Design- und Entwicklungszentrum betrieben. Hier beschäftigt Faurecia rund 120 Mitarbeiter, welche die Entwicklung innovativer Technologien und neuer Designs für den smarten Fahrzeuginnenraum der Zukunft vorantreiben. Der Fokus in der Entwicklung liegt auf zukunftsweisenden Technologien für einen vernetzten, anpassungsfähigen und vorausschauenden Fahrzeuginnenraum mit einem Blick aufs Design. Ausgebildet werden Verfahrensmechaniker/in für Kunststoff- und Kautschuktechnik, Industriemechaniker/-in und Kauffrauen/männer für Büromanagement. Für Faurecia zeichnet sich der Standort Peine durch die Nähe zu den Kunden und die spezialisierte Automobilindustrie vor Ort aus. Daneben sind auch andere Niederlassungen des Konzerns in Wolfsburg, Hannover und Stadthagen gut erreichbar. „Wir profitieren außerdem von den motivierten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen vor Ort, denen wir abwechslungsreiche Aufgaben und flexible Arbeitszeiten anbieten“, sagt Adrienne Hattingen, Pressereferentin der Faurecia Gruppe. Individuelle Entwicklungspläne, die Einsätze in Projekten, Stati

onen im Ausland und funktionelle Mobilität berücksichtigen, sowie Schulungs- und Fortbildungsprogramme sollen die Mitarbeiter motiviert und fit für die Entwicklungen des Unternehmens halten.

 

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