Von steinzeitlichen Speeren zu hochmodernen Panzerungen

Helmstedt, das geografische Zentrum Deutschlands, hat viele innovative Unternehmen, die Arbeitskräfte suchen

Paläon: Forschungs- und Erlebniszentrum in Schöningen im Landkreis Helmstedt.

In Helmstedt treffen viele Jahre lang zwei politische Weltanschauungen und Wirtschaftssysteme aufeinander. Checkpoint Alpha ist der größte und bedeutendste Grenzübergang zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Allein von 1985 bis 1989 wurden hier 34,6 Millionen Reisende abgefertigt. Doch nicht nur Menschen, sondern auch Waren prallen an der A2 auf den Eisernen Vorhang, der die Region zum entwicklungshemmenden Zonenrandgebiet macht. Die deutsche Einheit und die Osterweiterung haben Helmstedt schließlich wieder ins geografische Zentrum Deutschlands und eines immer mehr zusammenwachsenden Europas gerückt und nicht nur neue Kunden und Absatzmärkte, sondern auch qualifizierte Arbeitskräfte beschert.

 

Das geht jedenfalls aus einer Studie des Geografen Thorsten Erdmann für die Bundeszentrale für politische Bildung hervor. Demnach profitiert die Wirtschaft der ehemaligen Zonenrandgebiete von einem Vereinigungsboom zu Beginn der 1990er Jahre, leidet danach aber zunehmend unter dem Wegfall der Zonenrandförderung und der staatlichen Subventionen in den Gebieten der ehemaligen DDR. Helmstedt hat seit der Wiedervereinigung weder einen wirtschaftlichen Abstieg erlebt, wie beispielsweise die Harzkreise Goslar und Osterode, noch konnte es ähnliche überdurchschnittliche Arbeitsplatzzuwächse verzeichnen wie etwa Gifhorn oder Wolfsburg. Die Helmstedter Innenstadt trumpft heute vor allem mit dem ganz besonderen Ambiente auf: historische Altstadt mit prägenden Bauwerken etwa der Hausmannsturm oder das Juleum. Die Fußgängerzone ist eine der ältesten ihrer Art in ganz Deutschland. Sie stammt aus den 60er Jahren genau wie der Verein Helmstedt aktuell, der zusammen mit der Stadtverwaltung das Innenstadtmarketing betreibt. „Uns geht es darum, die Innenstadt als gesellschaftliches Zentrum zu erhalten“, sagt Petra Schadebrodt, Vorsitzende des Vereins. Es muss also eine richtige Mischung her, die eine andauernde Frequenz schafft. „Hier kann man einkaufen, Kaffee trinken, Leute treffen und schöne Stunden erleben“, findet Schadebrodt. Rund 150 Anbieter aus Einzelhandel, Gastronomie und Dienstleistung gebe es im Zentrum.

 

Das Besondere sei, dass viele Händler ihre Kunden persönlich kennen, sagt Meike Jenzen. Sie ist stellvertretende Vorsitzende bei Helmstedt aktuell und berichtet aus ihrer Buchhandlung Gröpern 5. „Ich kenne fast alle meine Kunden namentlich. Wenn jemand ein dringendes Anliegen hat, öffne ich auch schon mal den Laden vor der Öffnungszeit.“ Auch auf die in ihrer Branche wohl stärkste Konkurrenz hat sie sich eingestellt. „Ich habe einen Online-Shop. Da kann man online bestellen und die Bücher bei mir im Laden abholen.“ Diese familiäre Nähe schätzen die Helmstedter. Die Innenstadt kämpft allerdings mit denselben Problemen wie viele andere auch: Leerstände. „Die vermitteln kein positives Bild“, sagt Schadebrodt und fordert ein aktives Leerstandsmanagement von der Stadtverwaltung. „Wir würden uns beispielsweise Pop-Ups wünschen“, ergänzt Jenzen. Ein weiteres Problem sei, dass nicht alle Branchen gleichmäßig und ausreichend vertreten sind. „Es gibt Lücken etwa bei Spielwaren, Herrenbekleidung, Dekoartikeln und junger Mode“, erklärt Schadebrodt. Neu-Gründungen gebe es zwar selten, aber sie glaubt, dass es in Helmstedt derzeit gute Möglichkeiten gebe für Händler-Persönlichkeiten, die etwas wagen wollen. Als gutes Beispiel für eine Bereicherung der Fußgängerzone nennt sie das Bienen-Paradies, einen Honig-Handel. Ziel sei es stets, Menschen in die Innenstadt zu holen. Dafür organisiert der Verein einige Veranstaltungen, etwa den verkaufsoffenen Sonntag am 3. April, einen Kindertag im Mai oder das Bierfest im Juni. Die Helmstedter Innenstadt ist ein gesellschaftliches und kulturelles Zentrum, die meisten Arbeitsplätze verteilen sich aber über den gesamten Landkreis und finden sich etwa in Büddenstedt, Königslutter, Schöningen und Grasleben. Viele Jahre regierte in der Region der Tagebau und die Landwirtschaft. Inzwischen ist die Wirtschaft vielseitig aufgestellt.

 

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