Mehr als nur Industrie

Salzgitters Wirtschaft freut sich über volle Auftragsbücher

Foto: Carsten Brand

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Erst vor wenigen Monaten hat nach jahrelanger Bauzeit die neue Tank- und Rastanlage Salzgitter-Hüttenblick den Betrieb an der A39 aufgenommen. Von dort hat der Durchreisende jetzt eine wunderbare Aussicht auf etwas, was symbolisch für die Salzgitteraner Wirtschaft steht: Die Anlagen der Stahlproduktion und die damit verbundenen zahlreichen Arbeitsplätze in der Großindustrie. Diese steht mit ihren Erzeugnissen stets auf den wackligen Beinen der Weltwirtschaft, die derzeit auch von Protektionismus und Handelskonflikten geprägt ist. Dennoch ist die Stimmung in der Salzgitteraner Wirtschaft „sehr erfreulich“. Das geht aus der aktuellen Konjunkturumfrage der IHK Braunschweig hervor, auf die Salzgitters Oberbürgermeister Frank Klingebiel verweist, wenn man ihn nach der derzeitigen Lage fragt.

Demnach „erreichten die entsprechenden Indikatoren im zweiten Quartal 2018 den höchsten Stand seit sieben Jahren. Grund hierfür sind eine hohe Auslastung der Kapazitäten und volle Auftragsbücher, die insbesondere bei der Industrie und den Dienstleistern für gute Stimmung sorgen“, erklärt der Oberbürgermeister. Diese Situation sei insbesondere vor dem Hintergrund bestehender Risikofaktoren wie wachsendem Protektionismus, sich ausweitender Handelskonflikte, aber auch dem chaotisch verlaufenden Brexit und der „Die selgate“-Affäre als sehr positiv zu bewerten. „Die problematische Brexit-Situation birgt allerdings nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. So verhandelt die Wirtschafts- und Innovationsförderung Salzgitter GmbH (WIS) derzeit mit einem Investor über die Realisierung eines Investitionsvorhabens mit 150 neuen Arbeitsplätzen, dessen Umsetzung ursprünglich in Großbritannien vorgesehen war“, verrät Klingebiel. Diese wirtschaftliche Lage wirke sich dabei auch auf die Einstellungsbereitschaft der regionalen Unternehmen aus. „Sie war seit acht Jahren nicht mehr so ausgeprägt wie zurzeit. Dem steht allerdings die Schwierigkeit vieler Unternehmen gegenüber, geeignetes Personal auch tatsächlich zu finden“, sagt Klingebiel.

Die Nachfrage nach und erfolgreiche Vermarktung von Gewerbe- und Industriegebieten sei zudem gestiegen. „Das ist sehr erfreulich, doch die Kehrseite der Medaille ist, dass auch diese Flächen endlich sind“, gibt Klingebiel zu Protokoll und erklärt: „Die größte Baustelle besteht daher zweifellos darin, Teile der Politik davon zu überzeugen, dass an der Stärkung des Wirtschaftsstandortes Salzgitter weiter gearbeitet werden muss. Den Prüfauftrag für die Entwicklung des interkommunalen Gewerbe- und Industriegebietes Braunschweig-Salzgitter in diesem Verfahrensstadium – so wie im Frühsommer geschehen – zu versagen, war und ist ein fatales Signal.“ Wirtschaftsförderer und WIS-Geschäftsführer Thomas Wetzel ergänzt: „Die Flächenverfügbarkeit und die gute Infrastruktur machen Salzgitter für Ansiedlungen attraktiv.“ Alleine in diesem Jahr bearbeite die WIS 13 An- oder Umsiedlungen, die eine Fläche von 100.000 Quadratmetern und rund 500 Arbeitsplätze betreffen. Die Nachfrage nach Ansiedlungsgebieten sei riesig. Aber auch Salzgitter kommt an seine Grenzen. „Insbesondere größere Flächen werden knapp“, so Wetzel. Das gleiche gilt für 24/7-Flächen – wo also rund um die Uhr Lieferverkehr anfällt. Neue Logistikzentren von Branchenriesen wie Amazon seien derzeit schwer bis gar nicht umzusetzen. „Mittelfristig müssen wir uns Gedanken machen, wie wir damit umgehen, dass die Flächen vermarktet sind“.

Der Standort

Manchmal nimmt ein eher negatives Bild der Stadt Salzgitter Überhand – etwa wenn ein Trash-Fernseh-Format derzeit das Schicksal von Hartz-IV-Empfängern in Lebenstedt porträtiert. Trostlose graue Wohnblöcke werden da im Vorspann gezeigt. Arbeitslosigkeit wohin man blickt – suggeriert die Storyline. Dieses Vorurteil wird dem Standort selbstverständlich nicht gerecht. Überzeugte Salzgitteraner verweisen lieber auf die vielen Vorteile der Stadt mit ihren zahlreichen Freizeit-Möglichkeiten beispielsweise rund um den Salzgitter-See, bezahlbarem Wohnraum oder der Familienfreundlichkeit. Die Attraktivität des Standortes – auch als Wohnort und Lebensmittelpunkt – steht für viele Salzgitteraner außer Frage. Das Image nach außen hinkt nach wie vor aber hinterher. Dabei ist eben diese Qualität wichtig auch für die Fachkräfte-Gewinnung. „Es gibt daher Überlegungen, das Thema Wohnen am See stärker in den Fokus zu rücken“, nennt Wirtschaftsförderer Wetzel als ein Beispiel. Der Salzgitter-See ist sicherlich das größte Pfund, mit dem insbesondere Lebenstedt wuchern sollte, wenn es um das Image der Stadt geht. „Salzgitter hat tatsächlich eine hohe Lebensqualität“, betont Wetzel. Ein Programm, das die Wirtschaftsförderung WIS zusammen mit Alstom und der Braunschweigischen Landessparkasse derzeit in Salzgitter umsetzt, soll den wichtigen Wirtschaftsstandort im Süden Braunschweigs weiter stärken und noch besser vernetzen.

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