Werber in Motion

Gingco wuchs mit der Automotive-Branche und ist mittlerweile Niedersachsens größte Werbeagentur

Das Gründer­Duo Friedhelm Kranz und Martin Bretschneider, mit Ginkgoblatt im Mund. Foto: Magnus Kleine-Tebbe

Das Gründer­Duo Friedhelm Kranz und Martin Bretschneider, mit Ginkgoblatt im Mund. Foto: Magnus Kleine-Tebbe

Anfang der 1980er Jahre, als Martin Bretschneider und Friedhelm Kranz als Grafikdesign-Studenten ihre ersten Gehversuche als Werber machten, war Braunschweig ein denkbar schlechter Ort für eine Werbeagentur. „Wo liegt denn das?“, fragten potenzielle Kunden. Doch vielleicht war die Lage im Zonenrandgebiet der Schlüssel zum Erfolg. „Durch den Standort-Nachteil waren wir wohl so etwas wie die Frauen der Branche“, sagt Bretschneider, „Wir mussten immer deutlich besser sein als Agenturen aus Hamburg oder Düsseldorf, um das Gleiche zu erreichen.“

Heute ist die „Gingco.Net Werbeagentur“ nach eigenen Angaben größte Werbeagentur Niedersachsens und wo Braunschweig liegt, werden die beiden Gründer nicht mehr gefragt. Ihre größten Kunden sind VW und VW Financial Services, MAN und Audi. Die Ingolstädter sind der Grund, warum die Braunschweiger auch in München ein Büro betreiben: um nah beim Kunden zu sein. Am zweiten Braunschweiger Standort kümmert sich die „Gingco.Net New Media“ schwerpunktmäßig um digitale Kommunikation und technische Entwicklung. Insgesamt beschäftigen Bretschneider, Kranz und die drei weiteren geschäftsführenden Gesellschafter Jörg-Uwe Argo, Frank Dippel und Torsten Rolli rund 100 Mitarbeiter. Was früher „Full-Service-Agentur“ hieß, nennt sich heute 360-Grad-Kommunikation: Der Kunde bekommt bei Gingco. Net von der Konzeption bis zum fertigen Produkt alles aus einer Hand. Heute zählen dazu außer der Gestaltung analoger und digitaler Medien eine hauseigene Foto- und Filmproduktion, Animation und Postproduktion ebenso wie Programmierung und eine Social Media-Abteilung.

Neben Kampagnen, beispielsweise Werbefilme für Volkswagens Glas-Reparatur-Service, arbeitet die Agentur für Audi im AfterSales und Handelsmarketing und erstellt Kunden- und Branchenmagazine. Das sogenannte Corporate Publishing, also unternehmenseigene Medien, wird laut Bretschneider immer bedeutender und sei ein wichtiges, da langfristiges Teilgeschäft. Eingekauft werden die Leistungen der Braunschweiger auch von der Baubranche, der Tabakindustrie – beispielsweise Camel Deutschland – oder auch von Veolia Deutschland. Insgesamt erwirtschaftet Gingco nach eigenen Angaben einen Jahresumsatz von etwa 14 Millionen Euro und einen operativen Gewinn von 2,4 Millionen Euro. Im Ranking der inhabergeführten Werbeagenturen in Deutschland belegten die Braunschweiger damit zuletzt Platz 22 – der überwiegende Teil der großen Agenturen sitzt in Hamburg, mittelgroße Städte tauchen hier selten auf. Die Klischees über eine Werbeagentur erfüllen allerdings auch die Braunschweiger: großzügige, schicke Büros, Dachterrasse und nicht zuletzt ein „Büro-Hund“. Doch im Gegensatz zu vielen Agenturen in Berlin oder Hamburg blieben viele Mitarbeiter lange im Unternehmen; der Dienstälteste seit 33 Jahren, so Bretschneider. Deren Erfahrung sei hilfreich für die Markenkommunikation, für die eine zentrale Idee nötig sei, die sich durch alle Medien zieht. „Man wird besser mit den Jahren.“ Das Unternehmen ist nach eigener Angabe auch mit einem zweiten Standbein erfolgreich: einer Software für webbasierte Ressourcenverwaltung. Zentraler Nutzen ist die optimierte Buchung und Organisation von Arbeitsplätzen und Konferenzräumen. Die App sei unter anderem bei Dax-Konzernen im Einsatz, die dank einer guten Raumauslastung Platz sparen können, berichtet Kranz.

„Die Diversifikation von einer reinen Kommunikationsagentur hin zu vielfältigen Dienstleistungen und zur Softwareentwicklung.“ sei eine wichtige und richtige unternehmerische Entscheidung gewesen in dem sehr dynamischen Wettbewerbsumfeld der Werbebranche. Die Wurzeln der beiden Gründer liegen in der Hochschule für Bildende Künste (HBK), wo sie gemeinsam studierten und auch ihre ersten Mitarbeiter rekrutierten. Bretschneider ist heute Vorsitzender des Fördererkreises der Kunsthoch schule. Kranz sitzt dem Braunschweiger Bund Bildender Künstlerinnen und Künst ler vor. Bretschneider stammt aus Berlin, Kranz aus Bremen – doch ihre Heimat ist längst Braunschweig geworden. Obwohl sie in den ersten Jahren als Werber davon ausgingen, der Löwenstadt bald den Rücken zu kehren. Auch eine der bekanntesten Marken der Stadt bewerben sie seit knapp zehn Jahren: Eintracht Braunschweig, deren Logo Gingco. Net überarbeitete. Der Slogan „Wir sind Eintracht“ stammt ebenfalls von den Braunschweigern – „besser ließ sich das Gemeinschaftsgefühl einer Stadt mit ihrem Fußball nicht auf den Punkt bringen“, findet Bretsch neider.

Auch das „grüne Leuchten“ des VfL Wolfsburg habe Gingco.Net erfunden. Anfang der 2000er-Jahre, als sich der Klub neu erfinden wollte, hätten sie eine moderne Sport marke kreiert und die Kampagne „Das ist Fussball.” entwickelt, die Spieler im privaten Umfeld portraitierte. Beide, Bretschneider und Kranz, haben vor Kurzem ihren 60. Geburtstag gefeiert. „Um das Unternehmen fit für die Zukunft zu machen, müssen wir in absehbarer Zeit unsere Führungsebene breiter aufstellen und gemeinsam mit unseren Partnern eine dritte Generation an den Start bringen. Dann könnten wir so allmählich abtreten“, so Bretschneider. Das Geschäft sei allerdings stark von seinen Pro tagonisten und der persönlichen Betreuung getrieben; die Chemie zwischen Agentur chefs und Kunden müsse stimmen. Und: So ein „Baby“ wie Gingco.Net herzugeben, sei gar nicht so einfach.

^